„Die Bachelorette“ auf der Bühne Musical „Evita“ am Oldenburgischen Staatstheater

Von Arne Köhler


Oldenburg. Mit der Titelpartie in Andrew Lloyd-Webbers Musical-Klassiker „Evita“ hat das Oldenburgische Staatstheater einen Coup wider Willen gelandet: Die Rolle der machthungrigen argentinischen Diktatorengattin wurde mit der 26-jährigen Musicaldarstellerin Anna Christiana Hofbauer besetzt – Fans von Trash-TV-Formaten besser bekannt als „Die Bachelorette“ aus der diesjährigen Staffel der gleichnamigen RTL-Kuppelshow.

Wer nun erwartet hätte, dass die Oldenburger den B-Promi-Status ihrer Hauptdarstellerin werblich ausschlachten würden, um so Zuschauerkreise anzulocken, die noch nie ein Theater von innen gesehen haben, sah sich im Vorfeld der Premiere am Samstag getäuscht: Weder in den zuvor vom Theater verschickten Ankündigungen noch im Programmheft findet sich ein Hinweis auf die Fernsehaktivitäten Hofbauers. Und auf der Internetseite der Bühne war unter dem Porträt der Allgäuerin noch am Premierenabend ein Fülltext zu lesen („Hier erscheint in Kürze die Biografie“).

Für etwas Wirbel sorgte das Engagement der „Bachelorette“ indessen doch: Die Klatsch-Zeitschrift „Gala“ berichtete von erbosten Oldenburger Theaterfreunden, die sich in einem Brief an die Intendanz besorgt über einen Niveauverlust des altehrwürdigen Staatstheaters geäußert und eine Umbesetzung der Rolle gefordert hätten. Eine Schilderung, die die Leitung des Hauses in der örtlichen Presse sogleich als frei erfunden zurückwies – allerdings verbunden mit der Feststellung, dass die talentierte und sympathische junge Frau bereits zu einem Zeitpunkt für das Gastspiel engagiert worden sei, als von ihrer Teilnahme an der umstrittenen RTL-Show noch keine Rede war.

Das ist möglicherweise Hofbauers Glück gewesen. Denn die in der deutschen Übersetzung von Michael Kunze aufgeführte „Evita“-Inszenierung (Regie: Erik Petersen) ist zwar in fast jeder Hinsicht grundsolide – aber leider auch kreuzbrav. Man könnte glauben, die Verantwortlichen hätten die Devise „bloß nicht auffallen“ ausgegeben, und da hätte eine Vergangenheit als Rosen verteilende TV-Junggesellin beim Casting wohl tatsächlich als K.-o.-Kriterium gegolten. Was wiederum schade gewesen wäre, denn Hofbauer bewältigt die anspruchsvolle Partie der Eva Perón mehr als ordentlich. Vor allem im letzten Akt, als die schwer krebskranke Evita bereits stark geschwächt gegen das Unausweichliche kämpft, verleiht ihr die Absolventin der renommierten Hamburger Joop-van-den-Ende-Academy eine darstellerisch und sängerisch überzeugende Mischung aus tiefer Traurigkeit und unbändigem Stolz. Auch als junges, wildes Provinzmädchen, das den Sänger Augustin Magaldi bezirzt, um ein Ticket in die Hauptstadt zu lösen, punktet Hofbauer, deren Phrasierung nicht nur beim Welthit „Wein‘ nicht um mich, Argentinien“ bisweilen an den Schlagerstar Helene Fischer erinnert. Lediglich die rücksichtslose und selbstherrliche Grande Dame, die als First Lady völlig selbstverständlich Anspruch auf einen Teil der Macht ihres Gatten erhebt, nimmt man ihr nicht immer ab.

Alles zur RTL-Sendung „Die Bachelorette“ 2014 finden Sie hier.

Die eigentliche Entdeckung der Oldenburger „Evita“ ist indessen ein anderer Gastdarsteller: Der 23-jährige Würzburger Philipp Büttner hat erst in diesem Jahr sein Musical-Studium in München beendet und unterstreicht in der nicht minder anspruchsvollen Rolle des Revoluzzers Che, warum er im vergangenen Jahr den Bundeswettbewerb Gesang für sich entscheiden hat: Stimmlich stets voll präsent, gibt er den zornigen jungen Mann aus Argentiniens Arbeiterklasse so kernig und gallig, dass es eine Freude ist. Auch Staatstheater-Urgestein Paul Brady, seit ein paar Monaten im Range eines Kammersängers, und der zu Beginn dieser Spielzeit zum Ensemble gestoßene italienische Operntenor Nicola Amodio wissen als Juan Perón und Magaldi zu überzeugen. Dagegen wirkt der warme, geschliffene Operngesang der russischen Sopranistin Anna Avakian, ebenfalls neu im Oldenburger Ensemble, in einer Musicalproduktion wie ein Fremdkörper. Als Peróns blutjunge Mätresse, die von Evita höhnisch „zurück zur Schule“ geschickt wird, hat sie aber ohnehin nur einen Kurzauftritt.

Die Inszenierung bemüht sich sichtlich darum, den Publikum einen gefälligen Theaterabend zu bieten, der niemandem weh tut. Auf der Bühne (Dirk Hofacker) entstehen immer wieder schöne Bilder, aber weder gibt es überraschende Regieeinfälle noch außergewöhnliche Choreografien zu bewundern. Der Opernchor und die Solisten stehen da, wo sie sollen, während die Ballettcompagnie immer mal wieder etwas Bewegung beisteuert. Während in modernen Musicalproduktionen die gesamte Cast nicht nur singt, sondern auch tanzt, setzt das Staatstheater auf die althergebrachte Aufgabenverteilung in einem Drei-Sparten-Haus. Auch die beiden Hauptdarsteller, als ausgebildete Musical-Fachkräfte des Tanzens durchaus mächtig, dürfen ihre Fähigkeiten nicht voll ausspielen.

Leichte Probleme macht am Premierenabend die akustische Abstimmung: Das Staatsorchester Oldenburg unter der Leitung von Jürgen Grimm kommt stellenweise so laut aus dem Graben, dass die Solisten trotz Mikrofon-Einsatzes übertönt werden. Auch unter der Stimmgewalt des Chors leidet die Textverständlichkeit der Solisten.

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