Die Beziehung von Remarque und Dietrich Atemberaubend: „Sag mir, dass Du mich liebst“ in Osnabrück

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Osnabrück. „Sag mir, dass Du mich liebst“: Die dramatische, in großen Strecken brieflich geführte Liebesbeziehung zwischen Erich Maria Remarque und Marlene Dietrich und das Lebensgefühl einer Epoche feiern Wiederauferstehung in der atemberaubend eleganten und kunstvollen Choreografie von Mauro de Candia auf der Emma-Bühne des Osnabrücker Theaters am Domhof.

Was für ein hinreißender Einstieg in eine andere Welt: Die ahnungslose Journalistin, wie alle Zuschauer, wird formvollendet von einem Tänzer im Frack auf die Bühne entführt – für einen Tanz. Blitzartig steigen Erinnerungen auf an festliche Bälle, luxuriöse Hotels, ein hochgestimmtes Lebensgefühl der Eleganz und Schönheit.

Um genau das geht es im neuen Tanzstück von Mauro de Candia : Die Liebesbeziehung zwischen dem weltberühmten Paar Erich Maria Remarque und Marlene Dietrich spielte sich weniger im „grauen“ Alltag ab – beide waren anderweitig verheiratet –, sondern in den prunkvollen Nobel-Hotels zwischen Paris und New York. Die Entfernung zwischen der Schweiz des Schriftstellers und dem Amerika der Schauspielerin und Sängerin überbrückten Briefe, die Thomas Schneider und Werner Fuld unter dem Titel „Sag mir, dass Du mich liebst“ herausgegeben haben.

So ist auch der anderthalbstündige Tanzabend übertitelt und zieht gleich zu Beginn mit einem glanzvollen Reigen makellos stilisierter Schönheit, straffer Körperhaltungen, verführerischer Posen und bald tiefer, bald zurückweisender Blicke in den Bann.

De Candias atemberaubend komponierte Bewegungschoreografie bringt Marlene Dietrichs inszenierte Eleganz in Erinnerung, aber auch das Lebensgefühl einer Epoche, in das der Erste Weltkrieg gewaltsam einbrach, wie die Tänzer mit amerikanischen Unform-Schiffchen auf dem Kopf und Marsch-Tritt signalisieren.

Eine Stummfilmszene, mit typisch expressionistischem Pathos getanzt, legt nahe, worin die Selbststilisierung der Schauspielerin noch bis in jedes Foto ihre Wurzel hat. De Candias Tanz betreibt hier höchst effektiv Geschichts- und Persönlichkeitsforschung.

Das gilt auch für die Person Remarques, zumal fast nur seine poetischen Liebesbriefe überliefert sind. Er liebt und leidet stärker als die Dietrich. Seine Gefühle für sie, mehr Illusion und Projektion als Wirklichkeit, tanzt das Ensemble in traumhafter Langsamkeit und gestochen präziser Bewegungssprache. Die Varianten von wechselseitiger Anziehung, sehnsüchtigem Verlangen bei Remarque und zunehmender Abwehr bei Dietrich gestalten erst wechselnde Paarungen, dann sehr berührend und ausdrucksintensiv Amadeus Marek Pawlica und Vasna Aguilar.

Als dann Friedrich Fischer-Dieskau Schuberts Lied „Leise flehen meine Lieder“ singt mit seinen Natur-Metaphern fürs Liebesleid und Komponist Martin Räpple dieses Material fortspinnt, spiegelt das haarklein die vor Sehnsucht brennende Natur-Metaphorik in Remarques Briefen wider. Wie das spiegelnde Fenster großartig die wachsende Entfernung des Paares nach 1940 versinnbildlicht. Kein Wunder, dass Remarques Alter Egos, der kindliche Alfred (Lennart Huysentruyt) und der strengere Ravic (David Lukas Hemm), vor diesem Spiegelfenster darum miteinander ringen, wer denn den Kontakt zur Entschwindenden halten soll.

Mauro de Candia gelingt es, Literarisches ebenbürtig und verständlich in anderen Kunstformen auszudrücken – ein leuchtendes Beispiel.

Weitere Aufführungen: 20., 23. und 27. November. Kartentel. 0541/7600076.


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