Mit Bildern von Andy Warhol Kassel zeigt Pop-Art als Archäologie der Medienära

Von Dr. Stefan Lüddemann


Kassel. Zweimal Joseph Beuys, in Siebdruck mit Diamantstaub. Warhol ist auch in Kassels Neuer Galerie der Star. Allerdings nicht als Millionenseller, sondern als Künstler, der schon vor Jahrzehnten erklärte, wie der Hype um Glamour und Publicity funktioniert.

Wie viel das „Porträt Joseph Beuys“ auf dem Kunstmarkt wohl bringen würde? Dorothee Gerkens gefällt die Frage gar nicht. „Ich hoffe, dass das nicht Schule macht“, sagt die Direktorin der Neuen Galerie Kassel nur knapp zu der Versteigerung der Siebdruckbilder „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ von Andy Warhol aus dem Besitz der Casino-Gesellschaft Westspiel. Dabei gehört auch der doppelte Beuys in die Reihe der multiplen Porträts, mit denen Warhol schon seit den Sechzigern vorführte, wie Medienruhm entsteht – mit Bildern, die aus Personen zu Markenzeichen ihrer selbst kondensieren.

Neben der Frankfurter Schirn zeigt auch die Neue Galerie Kassel derzeit Pop-Art. Das Haus an der Schönen Aussicht, zu Documenta-Zeiten ein Schauplatz der Weltkunstschau, präsentiert vor allem grafische Serien und Objekte aus eigenem Bestand. Das klingt nach unspektakulärer Museumsroutine. Im Kontrast zur New Yorker Versteigerung der beiden Warhols aus der Aachener Spielbank lenkt die Ausstellung jedoch den Blick auf jenen Wert der Pop-Art, der sich nicht in Dollar und Euro beziffern lässt.

Zum Beispiel Andy Warhol. Gleich nach dem Kennedy-Attentat von Dallas fertigt er eine Box mit Siebdrucken. Verfremdete Bilder der Kennedys, des Fensters, aus dem die Schüsse fielen, oder einer Werbeanzeige für jenen Gewehrtyp, den Attentäter Lee Harvey Oswald benutzte, komponiert Warhol, was Medien aus dem Attentat machen: Bilder, die vielleicht keine wahre Geschichte erzählen, aber das kollektive Bewusstsein besetzen werden. Warhol lässt einen Freund sogar einen erfundenen Newsticker auf Trennblättern schreiben, die zwischen den Grafiken liegen. Die Serie zeigt, wie Medien Wirklichkeit schreddern, mixen, neu posten.

Zum Beispiel Roy Lichtenstein: Der Mann der riesigen Rasterpunkte steuert zur Ausstellung „American Supermarket“ 1964 eine Papiertüte bei. Der Aufdruck zeigt, was in ihr sein könnte – ein Grillhähnchen. Die Tüte kostete damals zwölf Dollar. Zu teuer? Nein, denn sie zeigt ja, wie Kunst aufklären kann – indem sie zum Widergänger einer erstarrten Warenästhetik wird.

Zum Beispiel Eduardo Paolozzi: Der britische Pop- Art-Künstler mixt auf seinen „Moonstrips Empire News“, was damals als high und low galt: Michelangelos David als Beispiel der Hochkultur, Mickey Mouse als Signum unterhaltsamen Schunds. Wie andere Pop-Art-Künstler musste Paolozzi den Bildungskanon kennen, um ihn dekonstruieren zu können. Allein als Beleg für diese Kenntnis wirkt Pop-Art heute wie die blanke Hochkunst. Das hat sich, wie wir wissen, längst erledigt. Was bleibt nach einer Kultur der Inhalte und Ikonen? Das bloße Posting. Warhol hat es in den Sechzigern schon gemacht. In seinen „Screen Tests“ dürfen alle für drei Minuten vor die Kamera, zum Posting vor dem Selfie – von Bob Dylan bis Niko und Susan Sontag. Wie genial hellsichtig.

Kassel, Neue Galerie: Flash! Pop-Art. Bis 15. Februar 2015. Di., Mi., Fr.–So. 10–17 Uhr,

Do. 10–20 Uhr.

www.museen-kassel.de