Geschichten aus der ostdeutschen Provinz „Simple Storys“: Überschätzter Wenderoman

Von Esther Alves


Osnabrück. Wie ticken sie denn nun so, die Ostdeutschen, und was hat die Wende mit ihnen gemacht? Die deutsche Literaturszene erhoffte sich in den Neunzigern darauf eine prosaische Antwort aus ihren Reihen. 1998 schließlich wurde der Roman „Simple Storys“ von Ingo Schulze als der „lang ersehnte Roman über das vereinigte Deutschland“ gefeiert – und genau darin wurde dieses kleine Werk schlicht überschätzt.

In 29 Kapiteln dreht der Autor sein Kaleidoskop über seine Helden und ihr Dasein in der ostdeutschen Provinz. 29 verschachtelte Geschichten, deren Dreh- und Angelpunkt die Familie Meurer ist: Mutter Renate, deren erster Ehemann in den Westen gegangen ist, ihre beiden Söhne Martin und Pit und ihr jetziger Mann Ernst Meurer. Der war parteilinientreuer Schuldirektor mit einem schlecht sitzenden Glasauge, für das er die DDR wiederum hasste – weil sie nie ein ordentliches Glasauge zustande brachte. Nicht nur die hinderliche Prothese macht ihm Ärger, sondern auch seine Vergangenheit macht ihm Ärger, in der er einen Kollegen verraten und entlassen musste. Auf einer Reise nach Italien 1990, mit westdeutschen Pässen und in die neue Freiheit, fährt auch dieser Ex-Kollege mit und verpasst ihm öffentlichkeitswirksam eine Abreibung für das vor ’89 Erlittene.

Die Anfangsszene ist so ziemlich die einzige, die auf politische Hintergründe anspielt. Die folgenden „Storys“ fokussieren vor allem das Aufeinanderprallen der Personen, von denen die meisten mit den Meurers verbunden sind. Es sind ganz normale Leute, sie arbeiten als Taxifahrer, Zeitungsredakteure oder Sekretärin, sie zanken und lieben sich, sie fahren in den Urlaub, malochen und sorgen sich um ihre Beziehungen.

In einer Rezension des „Spiegels“ von 1998 heißt es, die Helden dieses Romans seien „herausgefallen aus der überschaubaren, windstillen Gesellschaft der DDR, hineingefallen in das undurchsichtige, von eisigen Böen durchwehte Durcheinander des neuen, vereinigten Deutschland“. Das stimmt so nicht. Im Gegenteil, Schulze wagt dieses präzise, psychologisierende Herausarbeiten seiner Figuren nicht. Er bewegt sie stattdessen im Vagen. Was sie in ihrer DDR-Vergangenheit geprägt, bedrückt oder erfreut hat und wie sie nun konkret mit dem Systemwechsel umgehen, spielt keine Rolle. Auch dass der Auftakt nicht in Westdeutschland, sondern in Italien spielt, lässt annehmen, dass Schulze diese direkte Konfrontation meidet. Es gelingt ihm aber, eine Grundstimmung zu erzeugen: Über allem liegt der Ruch des Illegalen, die Figuren verhalten sich oftmals so, als täten sie etwas Verbotenes – dies spiegelt die Grundspannung der Wendezeit, die Verunsicherung, mit der diese neue Freiheit verbunden war.

Im Wesentlichen aber sind die „Simple Storys“ unaufgeregte Alltagsgeschichten von Menschen, die eigentlich ganz gut in ihre Umgebung passen und denen der Alltag mit seinem unaufhaltsamen, berechenbaren Kontinuum Halt gibt. Zwischendurch fühlen sich Schulzes Helden „wie eine Fliege zwischen Fenster und Gardine“ – ein starkes Bild zwischen viel Geplänkel, mit dem sich viel sagen lässt: Wer stillhält, kann den Ausblick auf die große Freiheit genießen, wer sich bewegt, stößt auf gläserne Grenzen und Illusionen.

Das Ungefähre und Reduzierte der Schulze’schen Erzählung bietet Raum für Interpretation – und genau deshalb war es leicht, ihm zu unterstellen, er bilde die orientierungslose Gesellschaft zur Wendezeit ab. Doch wüsste man es nicht besser, so könnte der Roman genauso gut im Westen Deutschlands spielen. Das Werk löst sich von den erwarteten Ost-West-Einheit-Dimensionen und wirft den Leser auf den Kern zurück: auf die Unzulänglichkeiten des menschlichen Seins. Schulzes „Simple Storys“ sind damit ein konturloses Werk – sie werden nicht im Gedächtnis bleiben.

Ingo Schulze: „Simple Storys“. Roman Berlin Verlag, 304 S., 19 Euro