Kein Klagelied Auftragsproduktion der Einstürzenden Neubauten zum Ersten Weltkrieg

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Auf Tour: die Einstürzenden Neubauten. Foto: ImagoAuf Tour: die Einstürzenden Neubauten. Foto: Imago

Osnabrück. Eine Auftragsproduktion der Einstürzenden Neubauten zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs trägt zwar den Titel „Lament“, doch können höchstens kurze Fragmente als „Klagelied“ bezeichnet werden. Ansonsten handelt es sich bei dem bemerkenswerten Werk um eine Collage aus seltenen Fundstücken, die Blixa Bargeld, N.U. Unruh und Kollegen auf gewohnt experimentelle Art akustisch-musikalisch zusammenfügten.

Was ist ein Kriegszitterer? So wurden traumatisierte Soldaten während des Ersten Weltkriegs genannt, deren Gliedmaßen aufgrund der Gräuel, die sie an der Front erlebten, in unkontrolliertes Zucken verfielen. Was Blixa Bargeld an der Existenz solcher Krankheitsbilder am meisten schockierte: Diese Kriegszitterer wurden von deutschen Ärzten mit Elektroschocks behandelt, weil sie für Simulanten gehalten wurden. Ein solches Zittern ist daher auf „Lament“ zu hören, als Anklage, als Memo gegen die Brutalität des Krieges. Es bildet das Intro zum Stück „Achterland“ mit einem Text von Paul van den Broeck, einem flämischen Pazifisten, der den Dadaisten nahestand.

Damit wären wir bei den Auftraggerbern der Einstürzenden Neubauten : Die flämische Stadt Diksmuide hatte die deutschen Klangavantgardisten beauftragt, während einer Gedenkfeier zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein Opus aufzuführen, das sich mit dem Thema Krieg befasst. Also begann Bargeld Geschichten aufzuspüren, die nicht schon abgegriffen waren und seines Erachtens gut in den Kontext passten. Dazu gehörten doppelzüngige Telegrammtexte, die zwischen den beiden Cousins Kaiser Wilhelm und Zar Nicholas ausgetauscht wurden. Dazu gehörten Songs der Harlem Hellfires, einer Marschkapelle, die zum ersten afroamerikanischen Regiment in der Geschichte der USA gehörte. Und dazu gehörten auf Wachszylinder aufgenommene Wortfragmente von Kriegsgefangenen, die gezwungen wurden, während ihrer Inhaftierung in Deutschland zum „Zwecke der Sprachforschung“ Worte zu sprechen und Zitate aus der Bibel in ihrer Muttersprache vorzulesen. Die Neubauten verquickten diese Originalaufnahmen mit einer drastisch verlangsamten Version eines Motetts des flämischen Komponisten Jakobus Clemens non Papa.

Einen Höhepunkt des Albums bildet das Stück „Der 1.Weltkrieg (Percussion Version)“, eine mathematisch ausgeklügelte, 13-minütige, auf Klangröhren aus Plastik und mit Elektrogitarre eingespielte, hypnotische Klangexkursion, in der alle Kriegsteilnehmer aufgeführt werden. Darüber hinaus outet sich Blixa Bargeld als Fan von Pete Seeger und Marlene Dietrich, indem er sich die Friedens-Hymne „Sag mir, wo die Blumen sind“ aneignet.

„Lament“ ist ein intensives Statement gegen den Krieg, weniger Studioalbum als die „Rekonstruktion einer Liveperformance“. Das Opus wurde am 8. November in Diksmuide uraufgeführt. Zurzeit sind die Einstürzenden Neubauten damit in Europa auf Tour.


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