Mozart auf Crystal Meth Geniestreich: „Così fan tutte“ mit Teodor Currentzis

Von Ralf Döring


Osnabrück. Anfang des Jahres sorgte der griechische Dirigent Teodor Currentzis mit seiner Einspielung von „Figaros Hochzeit“ für Furore. Jetzt kommt die zweite der drei Da-Ponte-Opern heraus: „Così fan tutte“. Eine Aufnahme, die richtig an die Nieren geht.

Obacht, gleich tut’s weh. Noch nicht zur Ouvertüre, wenngleich Teodor Currentzis bereits im roten Bereich ankommt. Das verwundert aber nicht weiter: Schon durch die Ouvertüre zu „ Nozze di figaro “ ist er wie ein Irrer gerast, und „Così fan tutte“ ist ja noch verrückter, also legt er noch eins drauf. Nach Akkorden wie Starkstromschlägen tritt der griechische Dirigent das Pedal durch, nach dem Motto, wer bremst, hat Angst. Das passt zu diesem Oscar Wilde unter den jüngeren Dirigenten, dem Sicherheit gewiss keine Kategorie musikalischen Handelns darstellt.

Die eigentliche Überraschung ereignet sich jedoch nach der Ouvertüre, im Gespräch der drei männlichen Protagonisten Ferrando, Guglielmo und Don Alfonso. Eine Wirtshausprahlerei hat Mozart da in Töne gesetzt, aber Currentzis legt auch hier noch einen drauf. Wie aufgeheizt von Schnaps und Testosteron klingt das, gipfelt in einem Terzett, das ins Hässliche, Böse, Widerwärtige kippt. Als wäre Mozart auf Crystal Meth.

Geht Currentzis zu weit?

Auch das passt ins Bild, mit dem sich Currentzis durch den „Figaro“ in Szene gesetzt hat. Aber geht er hier nicht einen Schritt zu weit? Nun, böser, als seine Frauen zu verwetten, geht’s kaum, und wenn sich Beziehungen in Wahlverwandschaften auflösen, sind Verwerfungen unausbleiblich – all das erzählt Currentzis in dieser ersten Viertelstunde der „Così“.

Fiordiligi und Dorabella, die Verlobten von Guglielmo und Ferrando, umgibt Currentzis mit ungleich sanfteren Tönen. Die beiden prahlen ja auch nicht; sie schwärmen für ihre Kerle. Das heißt jedoch nicht, dass Currentzis hier Weichspüler zugibt. Die Artikulation bleibt präzise, das Klangbild kontrastreich, und auch hier setzt es überraschende und heftige Akzente –die Frauen sind ja durchaus zu heftigen Gefühlsausbrüchen in der Lage.

Das führt Simone Kermes sehr exemplarisch vor. Sie singt, nach der Gräfin im „Figaro“, nun eine atemberaubende Fiordiligi: In „Come scoglio“, der „Felsenarie“, beharrt sie auf ihrer Standhaftigkeit und singt sich, befeuert von der Intensität des Orchesters, in Ekstase. Im Gegensatz zu „Per pietà“: Das Orchester umgibt Fiordiligi mit einem hauchzarten Schleier, während sie ergreifend und innig ihren Geliebten um Mitleid bittet. Wen die junge Frau damit meint, den potenziellen Gelegenheits-Lover Ferrando oder den Verlobten Guglielmo – das ist Teil des Verwirrspiels in dieser Oper, in der nichts ist, wie es scheint. Doch die Verletzlichkeit Fiordiligis offenbart Simone Kermes in dieser Lamento-Arie mit zartem, innigem Gesang – Intensität, die zu Herzen geht.

Eine ganze Nacht habe man an dieser Nummer 25 gearbeitet, sagt Currentzis im Booklet zur CD, um dann am nächsten Morgen den ersten Take zu nehmen. Darin zeigt sich die akribische, intensive Arbeit, die in dieser Einspielung steckt. Zehn Tage hat sich das Ensemble Zeit genommen, die Oper einzuspielen und einzusingen – wiederum in Perm, tausend Kilometer östlich von Moskau im tiefsten Russland. Dort leitet Cuzrrentzis nicht nur das Opernhaus, sondern hat mit MusicAeterna ein brillantes Orchester zusammengestellt, um seine musikalischen Träume zu verwirklichen.

Raum des Dionysischen

Tarifrechtlich zugesicherte Pausen und Dienstzeiten scheinen dabei keine Rolle zu spielen – dafür bietet das Orchester einen „musikalischen Zufluchtsort“ für Musiker, „die die Schönheit noch immer in aller Unschuld sehen können, mit den Augen des Teenagers“. Auch spricht Currentzis vom Verlust der dionysischen Ekstase im konventionellen Konzertbetrieb und vom Raum des Dionysischen, den die Musik braucht. In der russischen Abgeschiedenheit hat er diesen Raum offenbar gefunden – nach dem „Figaro“ zeugt jetzt „Così“ davon.

Lediglich das Sängerensemble bewegt sich nicht auf dem außerordentlichen Niveau, das Currentzis, Kermes und das Orchester vorgeben. Aber Malena Ernman (Dorabella), Christopher Maltman (Guglielmo), Kenneth Tarver (Ferrando), Anna Kasyan (Despina) und Konstantin Wolff (Don Alfonso) geben ein stimmiges Ensemble ab – was für die „ Così “ nicht ganz unwichtig ist. So ist Currentzis ein zweiter Geniestreich gelungen, einer, der den „Figaro“ noch übertrifft. Im Herbst 2015 folgt der „Don Giovanni“.


„Così fan tutte“. Teodor Currentzis, MusicAeterna, Simone Kermes u.a. 3 CDs, Sony. Ab 14.11. im Handel.