Künstler zeichnete beschädigte Archivalien Rolf Eschers Bilder aus dem Kölner Stadtarchiv

Von Dr. Stefan Lüddemann


Köln. 2009 stürzte das Kölner Stadtarchiv ein. Der Künstler Rolf Escher hat beschädigte Archivalien gezeichnet. Köln zeigt jetzt seine Bilder.

Durch das Briefbuch aus dem 17. Jahrhundert geht ein tiefer Riss. Die beiden Buchblöcke klaffen wie Teile eines aufgebrochenen Körpers auseinander. Vor der Urkunde von 1280 liegt das prächtige rote Siegel in spitzen Scherben. Und in einem Behälter liegen aus dem Schutt geborgene historische Sterbeurkunden wie bleiche Leichname in einem düsteren Sarkophag. Drei Bildmotive – und drei Beispiele für beschädigte, 2009 aus dem Schutt geborgene Archivstücke, die nun restauriert werden.

Rolf Escher ist Spezialist für Themen der Erinnerung. Der 1936 in Hagen geborene, seit Jahren in Essen und Berlin arbeitende Zeichner und Grafiker hat mit Zyklen wie den „Bücherzeiten“ (1990–2004) mit Motiven aus historischen Bibliotheken Europas oder den zuletzt in Münster und Düsseldorf präsentierten „DichterOrten“, Folgen von Zeichnungen und Grafiken zu Schriftstellern wie Theodor Fontane, Heinrich Heine oder Franz Kafka, eindrucksvoll demonstriert, wie die Spurensuche im Medium des Bildes zur kulturgeschichtlichen Gedächtnisarbeit ausgebaut werden kann. Die Kölner „Stiftung Stadtgedächtnis“ hatte Escher mit einem neuen Zyklus zum Thema des eingestürzten Stadtarchivs und seiner beschädigten Archivalien beauftragt. Jetzt präsentiert der Künstler das Resultat: eine Folge von 75 Blättern im Ausstellungsraum des Kölner Historischen Archivs.

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Im Mittelpunkt stehen dabei Darstellungen von beschädigten Archivstücken. Rolf Eschers genialer Griff: Er holt die Bücher, Urkunden, Schriftstücke ganz nah an unser Auge heran, isoliert sie aus dem Kontext. Wie im Porträt einer lebenden Person gewinnt so auch das historische Objekt Individualität und Charakter, Gesicht und Körper. Dabei stützt sich der Künstler auf ein Lebenswerk, das einem zentralen Anliegen bis heute dient – in Objekten und Orten den kulturellen Prägungen der Menschen nachzuspüren. Das schließt die Aufmerksamkeit für ihre Zeitlichkeit mit ein. Escher macht die Zeit, die in jedem der beschädigten Objekte aufgespeichert ist, dadurch fühlbar, dass er die Archivalien nicht einfach abbildet, sondern gerade ihre Fragilität und Verletzlichkeit zum anrührenden Seherlebnis macht. Das ist nur mit sublimer Zeichenkunst zu leisten. Über genau diese Kunst verfügt der Künstler in besonderem Maß.

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Entsprechend liefert das künstlerische Projekt keine bloße Doppelung beschädigten Archivgutes im Bild. Bei Escher avanciert das Medium des Bildes zum Raum einer eigenen Erkenntnis. Sie betrifft das Verhältnis des Menschen zu seiner Vergangenheit. Weit entfernt davon, einfach nur gegeben zu sein, bedarf Vergangenheit strukturierender Aktivität. Ein Gedächtnis gibt es nur, insofern Menschen es sich selbst gestalten, indem sie aus der bloßen Masse des Gewesenen auswählen und das Ausgewählte anordnen. Nur wenn sie auf diese Weise bedeutsam gemacht worden ist, verdient Erinnerung ihren Namen.

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Rolf Escher kommt dieser Aufgabe im Medium des gezeichneten oder radierten Bildes nach. Seine Blätter zeigen, was Generationen für bewahrenswert hielten. Der Künstler macht zudem sensibel dafür, in welchem Maß Erinnerung medialer Träger bedarf – und in welchem Maß mit der Beschädigung der Trägermedien auch der Erinnerung selbst irreparabler Schaden droht. Die Bildserie formuliert gerade deshalb ein nachhaltiges Plädoyer für die weitere Arbeit an den beschädigten Kölner Archivalien, für eine Wertschätzung der Archive und Bibliotheken selbst. Das zählt, gerade in der Ära digitaler Medien. Sosehr sie auch den Alltag inzwischen bestimmen – den ganzen Bestand der Kultur machen sie nicht aus. Gerade daran erinnert diese Kölner Ausstellung.

Köln, Historisches Archiv, Heumarkt 14: Rolf Escher: Kölner Fundstücke. Bis 19. Januar 2015. Di.–Fr., 9–16.30 Uhr. www. stiftung-stadtgedächtnis.de