Rezension „Kafka. Die frühen Jahre“ Die Jugend einer Jahrtausendfigur

Von Sarah Engel


Osnabrück. Mit seinem dritten Teil „Kafka. Die frühen Jahre“ hat Reiner Stach die umfangreiche Biografie über Franz Kafka abgeschlossen. Rund 18 Jahre arbeitete er an dem 2048 starken Gesamtwerk.

Osnabrück. Die Erwartungen an Reiner Stach waren hoch. Ganze 18 Jahre verschlang die Arbeit an seiner Biografie über Franz Kafka. In drei Teilen, auf 2048 Seiten, beschreibt der Autor das bewegte Leben des Schriftstellers. 2002 erschien der erste Band des Gesamtwerks „Kafka. Die Jahre der Entscheidung“, der das Wirken des Literaten in der Mitte seines Lebens von 1910 bis 1915 beschreibt.

2008 folgte der zweite Teil „Kafka. Die Jahre der Erkenntnis“. Hier beschäftigte sich Stach mit den letzten Lebensjahren Kafkas von 1916 bis 1924. Nun folgte dieses Jahr im September der lange erwartete letzte Teil der Biografie – und dieser beginnt ganz unchronologisch mit der Geburt des Schriftstellers.

„Kafka. Die frühen Jahre“ nennt sich der Abschluss des Gesamtwerkes, welcher für den Autor Reiner Stach den schwersten Abschnitt von Kafkas Biografie darstellte. Denn leider gibt es über die jungen Jahre des Schriftstellers nur wenige Aufzeichnungen. Direktes Material, wie Schriftstücke von Kafka, sind rar , weil der junge Autor viele seiner, wie er sie selbst nannte, „Kindersachen“ zerstörte.

Neben Tagebüchern, Briefen und einigen Kopien aus dem Nachlass seines langjährigen Freundes Max Brod musste Stach Tagespresse auswerten, um die ersten Lebensjahre Kafkas authentisch abzubilden. Umso höher schrauben sich die Erwartungen des Lesers, wenn er das Buchcover sieht. Denn dieses ziert ein Zitat und zugleich Lob von Literaturnobelpreisträger Imre Kertész: „Das Beste, was in diesem Genre hervorgebracht werden kann. Selbst ein Roman.“

Für Reiner Stach ist dies nach seiner jahrelangen Arbeit „ein Segen von ganz oben“, und für den Leser ist es ein Versprechen, das nicht gebrochen wird. Gleich zu Beginn entführt der Kafka-Kenner mit seinem Buch in das Prag des späten 19. Jahrhunderts. Franz Kafka wird am 3. Juli 1883 geboren. Für seine Eltern Hermann und Julie Kafka steht an diesem Tag natürlich nur die Geburt ihres ersten Sohnes, ihres Stammhalters, im Vordergrund.

Für die restlichen Bürger Prags hat der Tag vielmehr eine politisch-historische Bedeutung: An diesem Tag wird der böhmische Landtag gewählt, und die tschechischen Vertreter erhalten mehr Stimmen als ihre deutschen Konkurrenten. Ein entscheidendes Zeichen für Prag, das vom deutsch-tschechischen Widerspruch geprägt ist. So beschreibt der letzte Teil von Kafkas Biografie nicht nur seine Kindheit, Jugend und ersten Berufsjahre, sondern zeichnet zudem ein bewegtes Bild der damaligen gesellschaftlichen und politischen Zustände.

Die Angst zu versagen, so erfährt der Leser, begleitet Kafka schon seit seiner Schulzeit. Dabei ist er ein wahrer Vorzeigeschüler. Doch nicht der Ehrgeiz, sondern stetige Zweifel treiben in an. Vor allem vor seinen Abitur- und Doktorprüfungen begleiten ihn große Ängste.

Ein Gefühl, das Kafkas literarische Hauptpersonen nur zu gut kennen. Auch sie werden in seinen Werken mit Existenzangst und Prüfungssituationen konfrontiert. Dennoch war Kafka nicht nur der zweifelnde, zarte Mann. Reiner Stach zeigt in seinem Buch, dass er in seiner Jugend das Feiern und Reisen liebte und ihn dieses auch inspirierte.

Für Reiner Stach ist Franz Kafka eine „Jahrtausendfigur“, und mit dem Abschluss seiner dreiteiligen Biografie hat er dieser ein wirklich lesenswertes Denkmal gesetzt – und alle Erwartungen erfüllt.

Reiner Stach: „Kafka. Die frühen Jahre“. Verlag S. Fischer,
608 Seiten,
34,00 Euro.