„Junge Wilde“ vor 500 Jahren Frankfurter Städel sucht das Expressive in der Kunst um 1500

Von Christian Huther

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Kühner Stil: Blick in die Schau „Fantastische Welten“. Foto: Städel Museum/Norert MiguletzKühner Stil: Blick in die Schau „Fantastische Welten“. Foto: Städel Museum/Norert Miguletz

Frankfurt. Das Städelmuseum in Frankfurt zeigt in diesem Herbst Kunst aus dem 16. Jahrhundert. Bis 8. Februar will das Museum mit der Ausstellung „Fantastische Welten“ das „Expressive in der Kunst um 1500“ und die damit damals wesentlichen Neuerungen in der europäischen Kunst präsentieren.

Maria müsste sich mal aufhübschen. Die Haare kleben strähnig an den Wangen, die Mundwinkel sind nach unten gezogen, und das Gesicht erscheint viel zu gedrungen. Nur ihre Krone mit Perlen, Steinen und Sternen ist vom Feinsten und weist sie als Gottesmutter aus. Neben ihr drängeln sich das anmutige Jesuskind und der etwas bullige Josef, auf der anderen Seite flankiert von einem weiteren, leicht grotesk überzeichneten Heiligen. Dieses Bild der Heiligen Familie wurde um 1515 von Albrecht Altdorfer gemalt.

Damals schien sich niemand am ungewöhnlichen Aussehen der biblischen Figuren zu stören. Der Auftraggeber, der das kleine Gemälde wohl als privates Andachtsbild nutzte, war entweder mit dieser Art der Darstellung vertraut, oder er schätzte den Dürer-Zeitgenossen Altdorfer (1480–1538) so sehr, dass er keinen Widerspruch wagte. Maria als tumbe Bäuerin – die „Jungen Wilden“ vor 500 Jahren machten es möglich. Sie verletzten die Regeln, um zu einer Ausdruckssteigerung in der Kunst zu gelangen. Diesem irritierenden Phänomen widmet sich jetzt das Frankfurter Städel mit der Schau „Fantastische Welten. Albrecht Altdorfer und das Expressive in der Kunst um 1500.“

Altdorfer und andere Künstler aus dem süddeutschen Raum gelten als Inbegriff der „Donauschule“. Doch das Städel zeigt nun an 120 (aus aller Welt und vielen Kirchen entliehenen) Bildern, Skulpturen und Zeichnungen, dass sich dieser kühne Stil zwischen 1500 und 1550 in ganz Europa ausbreitete, von Norddeutschland über die Niederlande bis Norditalien und weiter nach Böhmen und Polen. Zwar hatte Albrecht Dürer die idealen menschlichen Proportionen entwickelt, die fortan als Vorbild dienten. Aber viele Künstler rieben sich an Dürers klassischem Ideal, um den Betrachter neu zu inspirieren. Je dramatischer das Geschehen war, desto exaltierter wurden die Figuren in ihren Bewegungen dargestellt. Die Peiniger des Heiligen Kastulus etwa müssten eigentlich in Hans Leinbergers Holzreliefs fast umkippen bei ihrem übertriebenen Ausholen mit den Keulen.

Ohnehin stand der fromme Gläubige damals oft verwirrt vor gemalten oder geschnitzten Altären. Denn die Künstler rückten auf einmal den ans Kreuz genagelten Christus von der Mitte an den Rand und schoben dafür seine zwei Leidensgenossen näher heran. So geschehen bei Lucas Cranach d. Ä., der nicht zur „Donauschule“ zählt, bei Altdorfer, Leinberger und Wolf Huber, die alle keine Kritik an der Kirche üben, sondern von der Randstellung Christi aus moralisch auf den Betrachter einwirken wollten.

Selbst die Natur wurde zum Stimmungsträger, aber voller Bedrohungen steckend. Altdorfer nutzte sie nicht mehr wie Dürer als Folie für biblische Themen. So gilt er als Vater der Landschaftsmalerei, als Romantiker des 16. Jahrhunderts. Freilich scheinen manche irrealen Motive heute etwas überspannt. Dennoch wirkt diese auf einer Etage der Städel-Halle ausgebreitete Kunst überraschend modern, bis hin zu den grellen Farben, den aus dem Nichts auftauchenden Lichtern und den Heiligen mit ihren aufgebauschten Kleidern, wunderlichen Gesichtern, spindeldürren Fingern und knochigen Füßen.

Frankfurt/Main, Städel:„Fantastische Welten. Albrecht Altdorfer und das Expressive in der Kunst um 1500.“ Bis 8. Februar. Di., Mi., Sa. und So. 10–18, Do./Fr. 10–21 Uhr.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN