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„Wir hatten die Pest. Aber wir sind am Leben“ Morrissey in Topform: Konzert im Capitol Hannover

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In Bestform: Der einstige Smiths-Frontmann Morrissey, beim Konzert in Hannover. Foto: Christian BehrensIn Bestform: Der einstige Smiths-Frontmann Morrissey, beim Konzert in Hannover. Foto: Christian Behrens

Hannover. Zuletzt hatte es drei Absagen gegeben. Aber ins Capitol in Hannover ist Morrissey gekommen. Nach überstandenen Grippeerkrankungen in der Band gibt er sich stimmlich in Topform und legt auch sonst ein überragendes Konzert hin.

Von Sven Franzek

„Es ist wahr: wir hatten die Pest. Aber wir sind am Leben“, scherzt Morrissey (55). Wegen Grippe innerhalb der Band- und Crewmitglieder – so zumindest die offizielle Begründung – wurden zuvor drei Europa-Konzerte in Lyon, Lausanne und Basel abgesagt. Statt Vorgruppe werden einleitend im ausverkauften Hannover Capitol Videos auf einen zerknautschten Vorhang projiziert.

Neben Livemitschnitten von Retropunkhelden wie den Ramones ertönt etwa das Kinderlied „Ding Dong! The Witch Is Dead“ aus dem Film „Der Zauberer von Oz“ (1939). Ein klarer Seitenhieb gegen die 2013 verstorbene britische Ex-Ministerpräsidentin Margaret Thatcher, deren Politik Morrissey seit jeher kritisierte.

Politisch auch die Eröffnungsnummer „The Queen Is Dead“ aus der The-Smiths-Ära (1982-1987). Für seine kritische Haltung gegenüber den britischen Royals bekannt, spricht er von „The Boil Family“ (die Eiterbeulen-Familie) und weist auf deren deutsche Wurzeln und die Namensänderung hin. „Die meisten Engländer denken, Windsor sei der offizielle Nachname der Königin“, so Morrissey weiter. Tatsächlich änderte König George V. 1917 wegen innenpolitischen Drucks im ersten Weltkrieg den Namen Sachsen-Coburg-Gotha in Windsor – die Stadt, in der sich die Königsresidenz befindet – um.

Stimmlich ist der Engländer in Topform. Seine fünfköpfige Band trägt schwarze Hosenträger auf weißen Hemden; Morrissey selbst trägt Jeans und ein dunkles Hemd mit V-Ausschnitt, das großzügig seinen Brustkorb freigibt. Er sieht frisch und erholt aus. Eine Erleichterung für alle, die sich sorgen um ihn gemacht haben. Anfang Oktober gab er in einem spanischen Magazin bekannt, dass er an Krebs erkrankt sei und ihm in den vergangenen eineinhalb Jahren tumorbefallenes Gewebe entfernt worden sei.

Tendenziell ist der Bandsound laut und E-Gitarren-lastig. Den Konzertschwerpunkt bilden Stücke der aktuellen CD „World Peace Is None Of Your Business“ . Die Arrangements des mittlerweile zehnten Soloalbums sind im Vergleich zu vorigen Alben musikalisch überwiegend vielschichtiger.

Zwar gibt es auch schwächere Nummern wie „Istanbul“ oder „Staircase At The University“, das live jedoch durch Trompete und flamenco-artiges Akustik-Gitarrensolo gewinnt. Das neue Material sorgt aber für manche Höhepunkte: „One Of Our Own“ ist episch aufwühlend und stimmlich ungewohnt klar akzentuiert. „Kick The Bride Down The Isle“ ist mit leisen und lauten Passagen und rollend-mitreißendem Mittelteil bemerkenswert. In „I’m Not A Man“ distanziert Morrissey sich von Klischees starker, potenter Männer. Das Titelstück prangert elegant Bürger an, die brav ihre Steuern zahlen und Politik nicht hinterfragen.

Neben der Eingangsnummer spielt er drei weitere Smiths-Songs, die allesamt zu den Konzerthöhepunkten gehören. „Meat Is Murder“ bleibt eindringlich. Dazu werden drastische Videoszenen aus der Dokumentation „Meet Your Meat“ (2002) der Tierschutzorganisation Peta gezeigt. Zu sehen sind skandalöse Szenen industrieller Massentierhaltung, Tiermisshandlungen und heftige Schlachthof-Sequenzen. Selbst für Hartgesottene schwer erträglich, sich das anzusehen. Zudem spielt er „How Soon Is Now“ und im Zugabenteil das ruhige „Asleep“; nur mit Klavier begleitet und berührend.

Morrissey ist bekannt dafür, den Kontakt zum Publikum zu suchen und Hände zu schütteln. Im Capitol gar nicht so einfach, da es einen Sicherheitsgraben mit Sicherheitsleuten gibt. Und diese weisen die massenhaft ausgestreckten Hände fleißig ab. Einige schaffen es dennoch.

Am Ende entblößt er seinen Oberkörper und wirft sein Hemd in die Menge. Ein Mann der Security hält darauf eine große Schere in die Luft, damit die durchgeschwitzte „Devotionalie“ geteilt und mehrfach ein Stück Morrissey nach Hause genommen werden kann.


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