Schockiert von dem eigenen Unwissen Schauspieler Alexander Fehling im „Labyrinth des Schweigens“

Von Marcel Kawentel

Andreas Fehling in „Im Labyrinth des Schweigens“. Foto: Universal PicturesAndreas Fehling in „Im Labyrinth des Schweigens“. Foto: Universal Pictures

Osnabrück. . Im Kino spielt Alexander Fehling einen Staatsanwalt, der die deutsche Gesellschaft mit dem Aufsehen erregenden Auschwitz-Prozess in Frankfurt aufrütteln will. Bei den Vorbereitungen merkte er auch, was er selbst alles nicht weiß über die deutsche Geschichte.

Alexander Fehling (33) spielt in seinem neuen Film „Im Labyrinth des Schweigens“ einen jungen Staatsanwalt, der die Verantwortlichen für Auschwitz auf die Anklagebank bringen will. Er selbst war bei der Vorbereitung auf die Rolle schockiert von dem eigenen Unwissen, wie er im Interview der Nachrichtenagentur dpa sagt.

Die Nürnberger Prozesse kennt nahezu jeder - mit den Frankfurter Prozessen sieht es schon anders aus. Wie war das bei Ihnen?

Ich muss gestehen, dass ich sie auch nicht kannte. Wenn man an Prozesse denkt, die mit Auschwitz zu tun hatten, denkt man an die Nürnberger Prozesse. So ging es mir auch. Aber das waren die Prozesse der Alliierten, in Frankfurt ging es um innerdeutsche Prozesse. Das hat es in der Welt noch nie gegeben, dass ein Land seine eigenen Leute in dieser Art vor Gericht gebracht hat. Dass ich - wie so viele - davon nichts wusste, lässt tief blicken. Heute ist Auschwitz der Inbegriff des Holocaust. Dass das so ist, ist dieser Gruppe von Staatsanwälten zu verdanken, die die Verantwortlichen in Frankfurt vor Gericht gebracht haben.

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Sie spielen eine fiktive Figur, die sich aus einigen realen Vorlagen, damaligen Staatsanwälten, zusammensetzt. Wie haben Sie diese Figur entwickelt?

Über mehrere Stationen. Ich habe versucht, mir einen Überblick zu verschaffen über all die Dinge, die ich nicht weiß. Ich habe viel darüber gelesen. Und dann hatte ich das Glück, den früheren Oberstaatsanwalt Gerhard Wiese treffen zu können, der an den Prozessen beteiligt war und heute über 80 Jahre alt ist. Er hat da wirklich mitgearbeitet. Außerdem habe ich mich im Fritz-Bauer-Institut informiert und mich da durch die Archive führen lassen. Dort habe ich mir auch Tonbandaufnahmen der Prozesse angehört. Diese Stimmen zu hören - das hat wirklich was mit mir gemacht.

Was hat das mit Ihnen gemacht?

Schwer zu sagen. Es geht nicht um eine permanente Emotionalisierung oder so etwas. Ich muss ja eine Figur spielen und nicht mein Mitleid zeigen. Aber ein Schwarz-Weiß-Foto oder Berichte in Geschichtsbüchern haben immer eine gewisse Distanz. In dem Moment, in dem man die Stimmen hört, und hört, wie diese Menschen ihre Erlebnisse ganz direkt, ganz nah schildern, hat man einen ganz besonderen Eindruck.

Diese Rolle ist nicht die erste, in der Sie sich mit der deutschen Geschichte befassen. Sie haben Andreas Baader gespielt und auch Goethe ist im Grunde deutsche Geschichte. Was interessiert Sie an realen Stoffen?

Das ist schon immer auch ein wenig Zufall gewesen. Aber mich fasziniert an realen Stoffen natürlich das, was uns alle daran interessiert: dass sie etwas mit uns zu tun haben und uns länger beschäftigen. Es sind Themen, die nicht gleich wieder untergehen, damit die nächste Sau durchs Dorf getrieben werden kann. In solchen Themen und ihren Protagonisten sind immer auch Konflikte und Widersprüche begraben, die für mich als Schauspieler natürlich sehr spannend sind. Und zugegebenermaßen habe ich durch eine solche Arbeit die Möglichkeit, mich mit Themen zu beschäftigen, die ich sonst wahrscheinlich nicht ganz so intensiv bearbeiten würde - obwohl ich es sollte.

Es ist ein furchtbares Wort, aber verbinden Sie mit diesem Film so etwas wie einen Bildungs- oder Aufklärungsauftrag?

Nein, überhaupt nicht. Ich will im Kino auch nicht erzogen werden. Natürlich finde ich es wichtig, über dieses Thema zu reden. Ich war schockiert und beschämt über das, was ich alles nicht weiß. Aber der Film erzieht nicht und er ist auch keine Geschichtsstunde, keine Lehrstunde. Es ist eine packende Geschichte, die nah an den Figuren erzählt ist und von Menschen handelt, die sehr unterschiedliche Blickwinkel auf dieselben Sachen haben. Auf dem Weg, den diese Menschen gehen, erfährt man sicher auch so einiges. Aber vor allem erlebt man etwas.


Die Schauspiel-Karriere von Alexander Fehling begann als Esel: Als Teenager spielte der Berliner ein Mitglied der Bremer Stadtmusikanten. Seitdem hat er es weit gebracht und spielte sogar schon an der Seite von Brad Pitt im Tarantino-Film „Inglourious Basterds“. Einen Namen machte er sich auch als „Goethe“ im gleichnamigen Film über den Dichterfürsten und als RAF-Terrorist Andreas Baader in dem Film „Wer wenn nicht wir“.