Spannung bis zum letzten Ton Glanerts Oper „Solaris“ erstmals in Deutschland aufgeführt

Von Pedro Obiera

Der Meister und sein Phantom: Kris Kelvin (Nikolay Borchev) und Harey (Aoife Miskelly) in der Deutschen Erstaufführung von Detlev Glanerts Oper „Solaris“. Foto: Bernd UhligDer Meister und sein Phantom: Kris Kelvin (Nikolay Borchev) und Harey (Aoife Miskelly) in der Deutschen Erstaufführung von Detlev Glanerts Oper „Solaris“. Foto: Bernd Uhlig

Köln. Die Oper „Solaris“ von Detlev Glanert ist erstmals in Deutschland aufgeführt worden. In der Kölner Oper herrschte Spannung bis zum letzten Ton.

Nach der Uraufführung seiner neuesten Oper „Solaris“ vor zwei Jahren in Bregenz sah es so aus, als drohte der Hamburger Komponist Detlev Glanert Opfer seines Geschicks zu werden, repertoiretaugliche Opern in Serie auszuwerfen. So routiniert-kunstgewerblich wirkte die Musik, so hausbacken das Libretto und das Szenario. Die Kölner Oper rückte jetzt mit ihrer Deutschen Erstaufführung die Maßstäbe zurecht und legte die in Bregenz allenfalls angedeuteten Meriten des Stücks in lupenreiner Qualität frei.

Damit erweist sich das Rheinland erneut als besonders verständiger Partner des Komponisten. Nahezu alle wichtigen Stücke feierten hier beachtliche Erfolge: „Caligula“ und „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ in Köln, „Nijinskys Tagebuch“ in Aachen, „Der Spiegel des Kaisers“ und „Jud Süß“ in Krefeld/Mönchengladbach.

Für „Solaris“ greift Glanert auf einen Roman von Stanislav Lem zurück. Die Handlung in Kürze: Auf dem fernen, von einem tönenden Plasmameer umgebenen Planeten Solaris möchte der Psychologe Kris Kelvin drei Wissenschaftler besuchen. Rasch merkt er, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Professor Gibarian hat sich umgebracht, dessen Kollege Snaut wirkt verängstigt, und Chefphysiker Sartorius hat sich in seinem Labor verschanzt. Es stellt sich heraus, dass alle von längst verstorbenen Menschen heimgesucht werden, die ihr Gewissen quälen. Snaut von seiner dominanten, sexuell übergriffigen Mutter, Sartorius von einer devoten, lasziven Frau, die sich an der Leine führen lässt, ihn dennoch beherrscht, und der tote Gibarian von einem undefinierbaren menschlich-animalischen Wesen.

Gewissenskonflikte

Auch Kelvin bleibt dieses Schicksal nicht erspart, als seine vor 14 Jahren aus dem Leben geschiedene Partnerin Harey erscheint und ihn in tiefe Gefühls- und Gewissenskonflikte stürzt. Alle noch so intelligenten Versuche, sich der ungebetenen „Gäste“ zu entledigen, scheitern. Schließlich schießt Kelvin seine Frau mit einer Rakete in eine Umlaufbahn, während er hoffnungslos und desillusioniert auf Solaris zurückbleibt. Lems schlichte wissenschaftsskeptische Botschaft: Seiner Haut und seiner Vergangenheit kann niemand entfliehen, auch der klügste Kopf nicht.

Wirkten die kosmischen Klänge, die Glanert mit glitzerndem Glockenspiel und anderen klischeehaften Effekten tönen lässt, in Bregenz wie eine filmreife, recht oberflächliche Tonfolie, berührt seine Musik unter der musikalischen Leitung von Lothar Zagrosek tiefere Bewusstseins- und Gefühlsschichten. Die Musik schillert nicht nur in 1000 Farben, sie wirkt auch menschlich anrührend, zugleich beklemmend und selbst im etwas lang geratenen Schlussmonolog des zurückbleibenden Kelvins gar nicht pathetisch. Daran trägt auch die reflektierte und handwerklich exzellente Inszenierung von Patrick Kinmonth großen Anteil.

Gestrandetes Shuttle

Gespielt wird auf der riesigen Ruine eines offenbar gestrandeten Shuttles, die wie ein gigantisches Insekt die Bühne (Darko Petrovic) beherrscht. Man bewegt sich pausenlos am Rande des Abgrunds. Der Chor und eine Statistenriege umkreisen die Forscher, durch eine wässrige Plasmasuppe watend, wie eine Schar untoter Lemuren und verstärken den psychischen Druck. Ein Spiel, das unter die Haut geht und Spannung bis zum letzten Ton garantiert.

Glänzend die Besetzung: an der Spitze Nikolay Borchev als junger, zunehmend verunsicherter Psychologe Kelvin. Unprätentiös, aber intensiv und klug phrasierend entfaltet er die Seelenstudie auch stimmlich mit seinem kerngesunden Bariton punktgenau. Frisch dem Opernstudio entstiegen, erweist sich die blutjunge irische Sopranistin Aoife Miskelly als Riesentalent. Der anspruchsvollen Partie der Harey bleibt sie darstellerisch wie gesanglich nichts schuldig. Erfreulich, wie detailgenau und treffsicher sie die fiebrigen Stimmungswechsel meistert. Martin Koch charakterisiert den ängstlichen Snaut so differenziert, als sei er ein Bruder Mimes, und Bjarni Thor Kristinsson stellt den mittlerweile der Realität entrückten Sartorius ohne karikierende Entgleisungen mit dem gebotenen darstellerischen und vokalen Gewicht dar. Vorzüglich auch die Gestaltung und Leistung des Chors und der kleineren Partien, etwa Dalia Schaechter als erdrückend distanzlose Mutter.

Es gab begeisterten Beifall in der mäßig besetzten Oper am Dom. Ein Erfolg, den die in letzter Zeit vorwiegend von Mittelmaß getroffene Kölner Oper dringend nötig hat und der einen besseren Besuch verdiente. Vor Glanerts Musik braucht sich wirklich niemand zu fürchten.

Die nächsten Aufführungen in der Oper am Dom: am 6., 8., 12., 14. und 16. November (Kartentelefon: 0221/ 22128400).