Premiere im Osnabrücker Theater Eindrucksvolle Bühnenversion vom „Schimmelreiter“

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Eine Liebe, die vielen Stürmen trotzen muss: Marcus Hering als Schimmelreiter und Maria Goldmann als seine Frau Elke. Foto: Uwe LewandowskiEine Liebe, die vielen Stürmen trotzen muss: Marcus Hering als Schimmelreiter und Maria Goldmann als seine Frau Elke. Foto: Uwe Lewandowski

Osnabrück. Im Emma Theater des Osnabrücker Theaters am Domhof hat wieder eine eigene Dramatisierung eines literarischen Stoffes Premiere gefeiert. Regisseur Alexander May und Dramaturgin Marie Senf haben aus Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ ein atmosphärisch eindrucksvolles und liebenswert gespieltes Stück Theater auch für Jugendliche ab 14 Jahren gemacht.

Dunkles Wolkengebräu, ein fahler Mond hinter Wolkenfetzen und ein aufgepeitschtes Meer ziehen auf Bert Zanders Videoleinwand langsam vorbei, es grollt und heult gefährlich wie bei einem der großen Herbststürme an der Nordseeküste. Die Schauspieler raunen im Chor vom gespenstischen Reiter, der auf seinem Schimmel über den Hauke-Haien-Deich jagt, sobald ein Deichbruch droht. Und schon stellt sich die düster-bedrohliche Stimmung ein (Bühne und Kostüme von David Gonter ), die den Reiz von Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ ausmacht.

Dann wird die Geschichte vom Schimmelreiter Hauke Haien erzählt, der gegen alle festeingefahrenen Traditionen zum Deichgrafen aufsteigt. Der sich dem Aberglauben und Kleinmut seiner Umgebung entgegenstemmt, um seinen neuartigen Deich mit sanft abfallender Linie zum Meer hin zu bauen.

Ein geschicktes, leichthändig wirkendes Verfahren hat die Regie gewählt, um die Novelle „ Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm aus dem Jahr 1888 ins Emma-Theater des Osnabrücker Stadttheaters zu bringen. Regisseur Alexander May hat die Osnabrücker Eigenversion mit der Dramaturgin und mittlerweile schon Dramatisierungsspezialistin Marie Senf auf die Beine gestellt. Er musste die Produktion in der Endphase aus persönlichen Gründen der Leitenden Schauspielregisseurin Annette Pullen übergeben.

Die Darsteller spielen im Wechsel die Figuren der tragischen Geschichte und erzählen zugleich die Handlung weiter. Sie verkörpern zum Teil mit köstlich gedehntem norddeutschen Tonfall die nordfriesischen Menschen mit ihren Stärken, Schwächen und Grenzen.

In anderthalb Stunden hat man als Zuschauer alle zentralen Aussagen und Begebenheiten der berühmten Novelle kennengelernt. Hat sich daran erfreut, wie mit einfachen, aber effektiven Mitteln die eher düstere Atmosphäre der Geschichte heraufbeschworen wird: die Furcht der Küstenbewohner vor der unheimlichen Urgewalt des Meeres. Die Einsamkeit von Hauke und seiner Frau Elke, weil sie dem Aberglauben und der Missgunst ihres Umfelds fortschrittliche Vernunft entgegenhalten. Hat bewundert, wie nur mit seitlich gekippten Tischen, einem Haufen Säcke und einer Sprühregenschiene der verzweifelte Kampf gegen eine verheerende Sturmflut auf der Bühne glaubhaft wird.

Marcus Hering verkörpert auch sprachlich souverän den Eigenwillen und die wachsende Härte des Deichgrafen gegenüber einer Dorfgemeinschaft, die nur widerwillig sein Deichprojekt mitträgt. Maria Goldmann springt als Elke, das Kind Wienke oder Erzählerin so sicher wie berührend zwischen den Rollen hin und her. Orlando Klaus bringt für Ole Petersen Mimik und ätzenden Tonfall von Neid und Missgunst ins Spiel und erinnert auch von seiner Kleidung her an die Stummfilmgröße Charlie Chaplin. Während Stephanie Schadeweg und Klaus Fischer ihre Figuren eher mit Wärme und Humor zeichnen.

Mit kleinen Schattenspielen oder pantomimischen Szenen zeigt das Ensemble lustvoll, über wie viele Mittel der Veranschaulichung es verfügt, auch für ein junges Publikum ab 14 Jahren. Doch entkräftet das alles nicht das leise Unbehagen, das oft bei Dramatisierungen von Literaturvorlagen entsteht: bei aller kreativen Intelligenz und Sorgfalt doch nur einer verknappten Inhaltsangabe beizuwohnen. Sprache, Tempo und Erzählräume eines epischen Werkes lassen sich nicht ohne Weiteres in andere Ausdrucksmittel übertragen.

Wer das verschmerzen kann, und sogar Lust auf die Lektüre bekommt, den wird ein stimmungsstarker, zupackender Theaterabend beeindrucken.

Weitere Aufführungen: 5., 12. und 13. November. Kartentel. 0541/7600076.


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