„An dem Cover bin ich schuld“ Hellmuth Karasek: Kritik an Grass war nicht überzogen

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Grass-Kritiker: Hellmuth Karasek. Foto: dpaGrass-Kritiker: Hellmuth Karasek. Foto: dpa

Osnabrück. Er plante das Spiegel-Cover mit Reich-Ranicki, der den Grass-Roman zerreist: Hellmuth Karasek. Im Interview blickt er auf die Kontroverse zurück.

lü Osnabrück. Er hat im „Literarischen Quartett“ über Grass’ „Ein weites Feld“ mitgestritten und das berühmte „Spiegel“-Cover mit Reich-Ranicki verantwortet: Hellmuth Karasek . Im Gespräch blickt der Literaturkritiker auf die Kontroverse um „Ein weites Feld“ zurück.

Wie sehen Sie heute den Roman „Ein weites Feld“?

Ich habe nicht noch einmal in das Buch geschaut. Ich fand den Roman damals ganz furchtbar, endlos gekünstelt und langweilig. Die Fiktion mit Fontane und Fonty trug einfach nicht. Es war ein Buch, das hohe Erwartungen weckte und nichts davon erfüllte.

Aus dem Abstand betrachtet – ist Grass doch ein großer Roman gelungen?

Ich bin ziemlich sicher, dass das bei diesem Buch nicht der Fall ist.

Liegt das auch daran, dass Grass womöglich doch nicht den großen Roman zur deutschen Einheit geschrieben hat?

Es gab mehrere andere Romane zu diesem Thema, vor und nach dem Mauerfall. Für mich ist in diesem Zusammenhang Uwe Johnsons „Nachdenken über Jakob“ besonders wichtig. Später hat Johnson das Thema auch in den „Jahreszeiten“ gespiegelt. In diesem Zusammenhang ist auch Martin Walsers Roman „Dorle und Wolf“ zu nennen.

Marcel Reich-Ranicki hat 1995 „Ein weites Feld“ auf dem Spiegel-Cover medienwirksam zerrissen…

An diesem Cover bin ich schuld. Ich war damals verantwortlicher Kulturredakteur beim „Spiegel“ und habe Marcel Reich-Ranicki zur Besprechung gebeten . Die Grafiker hatten die Idee, Reich-Ranicki das Buch zerreißen zu lassen, eine Idee übrigens, die nicht überall gut angekommen ist. Die Kritik ist ein Verriss – das sollte sich darin ausdrücken. Das Cover war ein optischer Einfall, der mich heute nicht mehr im Geringsten stört.

Hat die Kritik damals überzogen?

Überhaupt nicht. Wir haben unterzogen, gerade im Hinblick auf spätere Enthüllungen. Die haben gezeigt, dass sich Grass seinen Nobelpreis erschlichen hat, indem er seine Vergangenheit in der Waffen-SS verschwiegen hatte. Den Preis hätte er nie bekommen, wenn er diese Vergangenheit zugegeben hätte.

Man hat damals von Grass den Roman zur Einheit erwartet. Hat ein anderer Autor diesen Roman geschrieben?

Ja, Uwe Tellkamp mit seinem Roman „Der Turm“. Ich rechne zu den gelungenen Büchern auch jenes, das Grass für sein Buch benutzt hat, Hans Joachim Schädlichs Roman „Tallhover“.

Welche Bücher von Grass lesen Sie heute noch gern?

Man kommt sehr selten dazu, alte Bücher noch einmal überprüfen zu wollen. Dazu müssen sie einen neugierig machen. Die Bücher von Grass haben mich nicht wieder neugierig gemacht.


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