Doch der große Deutschland-Roman? „Ein weites Feld“ entwirft ein grandioses Erinnerungspanorama

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Berechtigter Tadel für einen misslungenen Roman oder Waterloo der Literaturkritik? Die Kontroverse um Günter Grass’ Roman „Ein weites Feld“ hat Epoche gemacht. Dabei ist heute klar: Günter Grass ist entgegen allen Verrissen doch ein großer Roman gelungen. Mit dem Rückblick auf „Ein weites Feld“ eröffnen wir eine Serie über Romane zum Thema Mauerfall.

„Günter Grass schreibt an neuem Deutschland-Roman“, meldet die Deutsche Presseagentur (dpa) am 27. September 1994. Buchversender „Zweitausendeins“ kündigt schlicht den neuen „Jahrhundertroman“ an. Selten ist eine literarische Neuerscheinung mit mehr Mediengetöse gestartet als „Ein weites Feld“ 1995 . Der ultimative Wende-Roman sollte es sein, mindestens eine zweite „Blechtrommel“.

Doch statt des bitterbösen Trommlers Oskar Matzerath erscheint auf der Erzählbühne ein verquasselter Aktenbote, Theo Wuttke, als Double des Romanciers Theodor Fontane auch noch Fonty gerufen. Weit über 700 Seiten lang – umfangreicher ist kein anderer Grass-Roman – tappen Fonty und sein „Tagundnachtschatten“ Hoftaller, der ewige Geheimdienstzuträger, durch die DDR der Wendezeit. Sie schauen Mauerspechten zu, erscheinen zwischen Braunkohletagebau, Fontane-Geburtsort Neuruppin und Hiddensee an vielen Orten eines Landes, das jahrzehntelang hinter der Mauer vergessen zu sein schien.

Was geschieht? Fast nichts, jedenfalls im äußerlichen Sinn eines Plots. Fonty und Hoftaller, beide mehr Typen und Wiedergänger als individuelle Charaktere, flanieren durch eine Landschaft der Erinnerungen an deutsche Geschichte, die sich zwischen 48er-Revolution und Mauerfall, Reichsgründung und Wiedervereinigung in Parallelbewegungen und Wiederholungsschleifen vollzieht.

Was fehlt? So gut wie alles, was Öffentlichkeit und Literaturkritik 1995 von Grass erwarten: den Roman zum Glückstaumel der Wiedervereinigung, das lebenspralle Erzählen des „Blechtrommel“-Grass. Doch statt der Liebesakte auf dem Kartoffelacker der „Blechtrommel“ oder rustikaler Pilzgerichte im 1977 erschienenen „Butt“ wird in „Ein weites Feld“ eine Textlandschaft ausgefaltet, ein Netz aus Querverweisen und historischen Spiegelungen geknüpft. In „Ein weites Feld“ raschelt das Papier – nicht nur beim Umblättern der Seiten.

Für die Kritik ist das zu viel. „Ganz und gar mißraten“, urteilt Marcel Reich-Ranicki im „Spiegel“ vom 21. August 1995, zerreißt auf dem Cover gleich noch das ganze Buch, das trotzdem – oder gerade deshalb – zum Bestseller avanciert. Wird damit nicht nur ein Buch verrissen, sondern auch der ganze Grass abgeurteilt? Günter Grass steht in der Wiedervereinigungsdebatte quer. Stichwörter wie „Schnäppchen DDR“ oder das Wort von der DDR als „kommoder Diktatur“ stoßen in weiten Teilen der Öffentlichkeit auf Befremden.

Doch viele Kritiker messen den Roman mit der falschen Elle. Sie nehmen als Leitartikel, was literarische Fiktion ist. Und sie übersehen den künstlerischen Schritt, den Grass vollzieht. „Ein weites Feld“ ähnelt „Blechtrommel“, „Hundejahre“ oder „Butt“ als historisches Panorama. Doch mit dem neuen Buch packt Grass nicht das dralle Detail, sondern montiert Texte. Er überblendet Erinnerungsebenen der deutschen Geschichte, lässt Fonty und Hoftaller in Fontane-Deutsch reden. Geschichte wird im „sekundären Geräusch“ hörbar, nicht als Fortschrittsjubel .

Statt drängender Tagesaktualität thematisiert Romancier Grass das historische Tiefengedächtnis, lässt den Leser das weite Feld der Erinnerung erwandern und gibt ihm dafür zwei Verlierer an die Hand. Die erzählen, plaudern, ja plappern aus der Sicht des anderen deutschen Staates, der mit dem Beitritt der neuen Länder zur Bundesrepublik sein Ende fand. Grass vollzieht nicht nur einen politischen, sondern auch einen künstlerischen Perspektivenwechsel, indem er mit „Wir vom Archiv“ ein Kollektiv erzählen lässt.

Als hochgradig kunstvolles Konstrukt wird der Roman damit vielschichtig bis an die Grenze der Irritation. Gerade damit schafft der Autor aber ein Äquivalent zu einer unübersichtlichen historischen Situation, in der niemand allein recht hat, keiner unbeschädigt ist. In dem Kapitel „Vom Denkmal herab gesprochen“ treten Grass und seine Frau sogar selbst auf – als Touristenpaar, das das Fontane-Denkmal knipst, aber die Protagonisten Fonty und Hoftaller nicht sieht. Grass stellt sich selbst in das ironische Spiel der Perspektivenbrüche. Darin steckt künstlerische Weisheit. Politische Weitsicht formuliert Fonty. „Ich jedenfalls sehe dem Feld ein Ende ab“, lautet der letzte Satz, Hinweis auf den guten Ausgang der deutschen Geschichte. „Ein weites Feld“: doch ein großer Roman.

Günter Grass: Ein weites Feld. Roman. Steidl Verlag. 748 Seiten. 24,50 Euro.