Heavy Metal für die ganze Welt Stahlbildhauer Richard Serra wird 75

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Hart, kantig, riesig: Mit seinen Stahlplastiken eckt Richard Serra an – weltweit. Jetzt wird der Meister der kompromisslosen Setzungen 75 Jahre alt.

Serra hat mit seinen Plastiken aus wetterfestem Corten-Stahl die Welt erobert. Und er ist immer den direkten Weg zur nächsten Provokation gegangen. Bestes Beispiel ist die aus vier trapezförmigen Stahlplatten gefügte Plastik „Terminal“, die 1977 auf dem Kasseler Friedrichsplatz zum Wahrzeichen der sechsten Documenta avancierte. 1979 kaufte die Stahlstadt Bochum die 100 Tonnen schwere und zwölf Meter hohe Plastik. Auf einer Verkehrsinsel am Hauptbahnhof steht sie seitdem vielen Menschen im Weg, aufdringlich und unüberwindlich. „Terminal“ wurde beschmutzt und besprüht, vom damaligen CDU-Landespolitiker Kurt Biedenkopf zur Demontage freigegeben. Aber „Terminal“ steht noch immer. Erst 2014 wurde dieser typische Serra gereinigt und neu enthüllt. Die Plastik hat den Kampf gewonnen, eigensinnig, wie sie ist. Heavy Metal eben.

Richard Serras Stahlkunst sprengt alle Dimensionen der Kunst. Sie entspringt in ihrer Herstellung buchstäblich dem schwerindustriellen Stahlwerk – und auf der Seite des Künstlers einem unbändigen Willen, mit Kunstwerken herauszufordern, notfalls bis an die Grenze der Konfrontation.

Dieser Philosophie folgte Serra auch 1979 mit „Titled Arc“, einer 37 Meter langen und drei Meter hohen geneigten Stahlwand auf der Federal Plaza in New York. „Titled Arc“ behindert die Sicht und blockiert teilweise den Übergang über den Platz. Richard Serra hat mit diesem und weiteren Werken gezeigt, wie sehr Kunst jeden Raum dramatisch verändern kann. Serras Stahlgiganten fordern den Menschen heraus, indem sie bedrängen und attackieren.

Serra absolvierte seine künstlerische Ausbildung in den Sechzigern unter der Ägide des Bauhausmeisters Josef Albers und im Umkreis der Minimal Art. Im Kontakt mit Donald Judd und Eva Hesse entwickelte der Bildhauer seine spezifische, heute weltweit unverwechselbare künstlerische Form. Der amerikanische, am 2. November 1939 in San Francisco geborene Bildhauer hat mit seinen Arbeiten den Minimalismus extrem vergrößert und in den öffentlichen Großraum transponiert. Serras Plastiken markieren viele Orte – von der Philharmonie in Berlin bis zur Kunsthalle Bielefeld oder einer Abraumhalde in Essen, auf deren Plateau Serra die „Bramme für das Ruhrgebiet“ platzierte. Die massive Stahlplatte sieht aus, als hätte sie ein Herkules in den Boden gerammt – ein mächtiges Zeichen für die Region von Stahl und Kohle.

Serra wuchtete eine mehrteilige Stahlarbeit in das Erdgeschoss des Guggenheim Museums in Bilbao . Und er konzipierte mit Peter Eisenman das Holocaust-Mahnmal in Berlin . Auch wenn Serra später im Konflikt aus dem Projekt ausstieg – seine Idee, dem Holocaust mit einem Feld aus puren Stelen einen künstlerischen Gedächtnisort entgegenzustellen, überzeugt. Serra zeigt, was Kunst kann. Und das ist erstaunlich viel.