Fatih Akins Film „The Cut“ Zum Schweigen verdammt

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„The Cut“: Tahar Rahim als Nazaret. Foto: Pandora Film„The Cut“: Tahar Rahim als Nazaret. Foto: Pandora Film

Berlin.Fatih Akins Film „The Cut“ über den Völkermord an den Armeniern wird getragen von Hauptdarsteller Tahar Rahim.

Bis zu 1,5 Millionen Menschen starben vor 100 Jahren beim Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich. Die Schätzungen liegen weit auseinander. Ein Grund dafür ist das türkische Schweigen zu dem historischen Verbrechen. Dem Zwang zum Verstummen, mit dem die Opfer belegt wurden, macht Fatih Akin in „The Cut“ zur Titelmetapher: Der Schnitt, mit dem seinem Helden Nazaret von gedungenen Mördern die Kehle durchtrennt werden sollte, tötete den jungen Schmied nicht. Aber er durchtrennt seine Stimmbänder. Zum Schweigen verdammt, tritt der Vertriebene eine jahrelange Reise an – auf der Suche nach seinen Zwillingstöchtern, die im Chaos von Krieg und Verbrechen von ihm getrennt wurden. Getragen wird all das von der darstellerischen Leistung Tahar Rahims, den Fatih Akin in Jacques Audiards Gangsterfilm „Ein Prophet“ (2010) entdeckt hat. Rahim spielt den verfolgten Christen mit einer Schutzlosigkeit, die ihn selbst in seinen schuldigen Momenten rein erscheinen lässt.

Akin dreht seinen Film zum Stichtag des Völkermords von 1915 aus einem doppelten Verantwortungsgefühl heraus: In Interviews schildert der Deutschtürke, wie ihn nicht nur der gegenwärtige Umgang der Türkei mit dem Thema umtreibt, sondern auch das Schweigen des Deutschen Kaiserreichs gegenüber den Massakern im Land des Verbündeten.

Und trotzdem versteht er „The Cut“ nicht als bloße Aufarbeitung von Geschichte, sondern als Genre-Film. Und tatsächlich lehnt er sich in Bildsprache und Motivik intensiv an den klassischen Western an: Der Flüchtling Nazaret wird zum Gesetzlosen, der in Wüstenmärschen und Güterwaggons immer weiter westwärts zieht – genauso auf der Suche nach einer Zukunft wie nach den Menschen aus der Vergangenheit vor dem Völkermord.

Eine Schlüsselsequenz führt den Protagonisten in das Todeslager Ras Al-Ayn. Akin zeigt Verhungernde zwischen verwesenden Leichen – und seine Bilder fallen nicht nur durch die schwer erträgliche Grausamkeit aus dem Film heraus. Die unnatürliche Farbigkeit, die Stummfilm-Maske, mit der die Darsteller hier zu Sterbenden geschminkt sind, wirken fast misslungen. Zugleich tut der Eindruck des Surrealen gerade dieser zentralen Schilderung des Völkermords gut. Denn über weite Strecken hat Akins Film in seiner Geschichtsvermittlung, in seinen Thesen über das Böse im Menschen und sogar in den persönlichen Bekenntnissen des Regisseurs etwas Demonstratives und Kontrolliertes, das der Geschichte den Atem nimmt.

Akin berichtet, dass er „fast 100 Bücher“ zum Völkermord gelesen habe. Er hat sein Werk mit Polanski und Costa-Gavras besprochen, und mit Scorsese, dessen Drehbuch-Autor nun sogar am Skript mitgewirkt hat. Und leider spürt man die Vorarbeit in jeder Einstellung.

Wenn Nazaret über Aleppo und Kuba nach Amerika wandert, ahnt man das Exemplarischen an diesem Weg ins Exil. Wenn er einer Freilicht-Vorführung von Chaplins „The Kid“ beiwohnt, spricht sich darin Akins Glaube an die Humanität des Kinos überlaut aus. Und wann immer Nazaret Unrecht geschieht oder er sich selbst ins Unrecht setzt, hört man die verfilmte These hinter der Geschichte. „The Cut“ soll von der Dummheit des Vorurteils erzählen und davon, dass auch Opfer zum Bösen befähigt sind – und Akin erfindet seine Geschichte so, dass sie solche Gedanken illustriert.

„The Cut“. D/F/PL 2014. R: Fatih Akin. D: Tahar Rahim. 138 Minuten. Ab 12 Jahren.


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