Zum Autorenbrief gegen US-Onlinehändler PEN-Präsident: „Protest kann Amazon nicht egal sein“

Von Elke Schröder

Schriftsteller Josef Haslinger.Foto: Gert WestdörpSchriftsteller Josef Haslinger.Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Derzeit ist der klassische Buchhandel mit einem Marktanteil von 48,6 Prozent noch klar im Vorteil gegenüber dem Onlinehandel mit 16,3 Prozent. Dennoch sieht Josef Haslinger, Präsident des PEN-Zentrums Deutschland, die Geschäftsmethoden von Amazon als Gefahr für die Struktur des deutschen Buchhandels an. Der US-Onlinehändler versuche immer wieder, den „Rahmen des Erlaubten“ bei Rabattgeschäften mit den Buchverlagen zu überschreiten, sagt der Chef der Schriftstellervereinigung im Interview.

Herr Haslinger, was hat der in Deutschland am 14. August von Autoren initiierte Protestbrief gegen die Geschäftspraktiken von Amazon im Streit mit der Verlagsgruppe Bonnier um E-Book-Rabatte bisher gebracht?

Die Autoren haben damit so viel Aufmerksamkeit erfahren, dass es Amazon nicht egal sein kann: Ständige Proteste, einerseits der Angestellten, die wegen der Lohnbedingungen streiken, und nun auch noch der Autoren – für ein Unternehmen, das letztlich auf die Kooperation mit Verlagen, Autoren und Angestellten angewiesen ist, ist das auf Dauer eine untragbare Situation.

Auch der Börsenverein des deutschen Buchhandels wirft Amazon vor, mehr Rabatte von den Verlagen beim E-Book erzwingen zu wollen, indem die Auslieferung von gedruckten Büchern der betroffenen Verlage verzögert worden sei. Der Verband hat Beschwerde beim Bundeskartellamt eingelegt. Was passiert, wenn es doch zu einer Einigung im Konditionsstreit mit Amazon kommt? Ist für Sie dann die Schlacht geschlagen?

Die Schlacht ist dann keineswegs geschlagen. Es wäre nur ein kleiner Teilerfolg, der ist auch etwas wert in dem Sinne, dass man zumindest gerechte Verhältnisse hätte. Aber die Schlacht, um die es geht, ist die Buchpreisbindung. Ich persönlich bin sehr skeptisch, ob sie auf Dauer erhalten werden kann. Sie ist eine Besonderheit: Von 28 Staaten der Europäischen Union haben elf die Buchpreisbindung, der Rest hat sie nicht. Es ist in gewisser Weise eine privilegierte Situation, an die wir uns gewöhnt haben und die wir auch so lange wie möglich aufrechterhalten sollten.

Warum?

Weil sie hilfreich ist für die Literaturszene: Sie hilft den Autoren, sie hilft den Verlagen. Sie führt natürlich auch dazu, dass die Großverlage mehr verdienen, als sie sonst verdienen würden. Man darf sich da keine Illusion machen, es gibt dabei auch eine Umverteilung: Je mehr sich das Verlagswesen konzentriert und in die Hände von Großkonzernen kommt, desto mehr Geld fließt durch die Buchpreisbindung in die Taschen der Großkonzerne. Das ist ein ungewollter Nebeneffekt. Aber für die literarische Kultur ist die Buchpreisbindung dennoch eine gute Einrichtung.

Amazon argumentiert, es gehe darum, die E-Book-Preise zu senken. Ist das aus Ihrer Sicht nur ein vorgeschobener Grund?

Das Ziel von Amazon ist es, einen freien Markt herzustellen. Das ist verständlich, und es kann gar nicht anders sein: Amazon ist kein Buchliebhaber, sondern ein Konzern, und der Sinn eines Konzerns liegt in der Gewinnmaximierung. Klarerweise will Amazon durch massenhaften Umsatz einen Marktvorteil gegenüber dem traditionellen Buchhandel erzielen. Mit der im Prinzip populären Forderung nach der Senkung von E-Book-Preisen versucht Amazon einen neuen Anlass zu schaffen, um irgendwann doch einen Durchbruch zu erzielen. Es ist der Versuch, die künstlich geregelten Verhältnisse aufzubrechen. Man darf hier nicht nachgeben. Man wird vielleicht irgendwann ein neues Gesamtpaket schnüren, aber man kann nicht immer einen Schritt zurückweichen, und am Ende sind alle Strukturen im Buchhandel kaputt. Solange es Regeln gibt, müssen sie für alle gelten.

Mittlerweile unterstützen 2000 deutschsprachige Autoren den Protestbrief gegen Amazon, der von einer ähnlichen Aktion in den USA inspiriert wurde. Dort haben sich seit Anfang August bislang über 1000 Autoren der Initiative Authors United angeschlossen. Dennoch: Wie erklären Sie sich diesen zahlmäßigen Unterschied, in den USA spielt der Internetriese ja eine wesentlich größere Rolle auf dem Buchmarkt.

In den USA ist die Situation der Autoren tatsächlich eine andere, da haben die Autoren ein Bewusstsein dafür, dass sie Unternehmer sind. Hier haben wir in hohem Maße eine subventionierte Kultur und damit eine gewisse Verlässlichkeit, dass Kultur funktioniert, auch wenn nicht der große Sponsor auftritt – und dazu gehört die Buchpreisbindung. Hinzu kommt, dass man in Amerika um den Ladenpreis und um den Autorenvertrag kämpfen muss. Hier haben wir Standardverträge, die in jahrzehntelanger Anstrengung von Autorenverbänden ausgearbeitet wurden, bei denen es eine Einigkeit mit dem Börsenverein gibt. Seriöse Verlage halten sich an diese Mindeststandards. In den USA ist das überhaupt nicht der Fall. Wenn man dort als Autor einen Vertrag schließt, fängt man bei Null an. Man braucht einen Literaturagenten, der das für einen regelt. Wenn man in diesen Verhältnissen aufgewachsen ist, dann ist man an den freien Markt gewöhnt und wundert sich vielleicht, dass es Autoren gibt, die das für problematisch halten.

Kritiker am Protest gegen Amazon vergleichen das Geschäftsgebaren des US-Konzerns unter anderem mit dem etablierter Großbuchhandelsketten, Buchhändler platzierten Bücher zudem auch gegen Rabatt prominenter im Laden, und die Empfehlung eines Buchhändlers sei nichts anderes als die Empfehlungslisten bei Amazon. Stimmen solche Vergleiche?

Die stimmen nicht ganz, weil die Größenordnung nicht vergleichbar ist. Jeder, der geschäftlich tätig ist, versucht im Rahmen des Erlaubten Rabattgeschäfte zu machen. Aber es gibt eben den Rahmen des Erlaubten, und Amazon versucht immer wieder den Rahmen des Erlaubten zu überschreiten. Die großen Buchhandlungsketten lassen sich von den Buchverlagen Stellplätze bezahlen. Das ist eigentlich etwas, was an sich schon empörend ist, aber das ist derzeit im Rahmen der gesetzlichen Regelungen möglich. Man müsste eher darüber nachdenken, wie man kleinen Buchverlegern eine Chance gibt, in große Buchhandlungen reinzukommen.

Nina George hat gesagt, dass sich mit dem Protestbrief jetzt die Autoren emanzipierten. Ist noch etwas anderes mit der Aktion in Gang gekommen?

Ich denke schon. Es ist klar geworden, dass die Konditionen der Autoren prekär sind. Das war ja eine Zeit lang in den 70er-Jahren schon der Fall, bevor es diese Musterverträge gab. Jetzt sind wir in einer Umbruchsphase, in der der Markt seine Dominanz entwickelt. Nicht zuletzt durch die TTIP-Verhandlungen mit den USA ist die Buchpreisbindung in Gefahr, aufgehoben zu werden. Das Wirken internationaler Konzerne wie Amazon auf dem deutschen Buchmarkt ist eine ständige Herausforderung. Der Starke will erreichen, dass hier nicht Marktsegmente künstlich durch Subventionen gestützt werden. Das Interesse von Kulturschaffenden muss es aber sein, einer anspruchsvollen Literatur eine Überlebenschance zu geben. Und es geht darum, dafür zu sorgen, dass auch unter neuen Verhältnissen eine Mindestabsicherung der Autorenschaft aufrecht bleibt.


Der E-Book-Markt in Deutschland: Das E-Book ist inzwischen bei fast allen Verlagen im Programm. Der Umsatzanteil liegt aber erst bei 3,9 Prozent, bei starkem Wachstum. 2012 waren es noch 2,4 Prozent.

Im Durchschnitt liegt der E-Book-Preis 20 Prozent unter der gedruckten Ausgabe. Das Branchenmagazin „Buchreport“ liest nach einem Preis-Vergleich unter aktuellen belletristischen Toptiteln bei einigen Verlagen einen deutlichen Hang zum Experimentieren heraus: Die Spannbreite liegt zwischen 35 Prozent Differenz (Andreas Eschenbach „Der Jesus-Deal“, Bastei Lübbe) und 10 Prozent (Paulo Coelho „Untreue“, Diogenes). Laut Aris-Umfrage im Auftrag des IT-Verbands Bitkom liest hierzulande fast jeder Vierte ab 14 Jahren (24 Prozent) elektronische Bücher. Im vergangenen Jahr waren es erst 21 Prozent. Die Vorbehalte der Nichtnutzer von E-Books sind aber offenbar nach wie vor relativ groß. Von dieser Gruppe kann sich auch in Zukunft nur ein knappes Drittel (32 Prozent) vorstellen, E-Books zu lesen (Vorjahr: 27 Prozent). Die E-Book-Nutzer wünschen sich mehr Freiheit im Umgang mit den Buch-Dateien – etwa das Lesen auf allen Geräten unabhängig vom Anbieter (54 Prozent), die Möglichkeit, E-Books wie gedruckte Bücher verleihen zu können (46 Prozent) oder das Recht, gekaufte E-Books weiterzuverkaufen (41 Prozent).

Der Anteil der E-Book-Leser ist über alle Altersklassen hinweg relativ gleich verteilt: Während 31 Prozent der 14- bis 29-Jährigen zum elektronischen Buch greifen, sind es bei den 30- bis 49-Jährigen 30 Prozent und bei den 50- bis 64-Jährigen immer noch 27 Prozent.

Gelesen werden elektronische Bücher vor allem auf Notebooks (56 Prozent) und Smartphones (44 Prozent), aber auch auf PCs (32 Prozent), Tablets (30 Prozent) zum E-Book-Reader greifen 27 Prozent.

Abseits der Kaufmöglichkeit etablieren sich langsam auch weitere Kanäle, um E-Books zu beziehen. Dazu zählen die Leihe aus Bibliotheken und das Herunterladen legaler und frei verfügbarer Bücher (jeweils 25 Prozent) sowie kommerzielle Leihangebote von Unternehmen (16 Prozent), also etwa Lese-Flatrates oder werbefinanzierte Leseangebote. Gut jeder fünfte Leser von Literatur in Digitalform (22 Prozent) gibt sogar an, mehr zu schmökern, seit er E-Books nutzt. es/dpa