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Jetzt bleibt die Erinnerung Hilliards und Jan Garbarek verabschieden sich von St. Marien

Von Ralf Döring


Osnabrück. Mit einem herzergreifenden „Remember me“ hat sich das Hilliard Ensemble von der Marienkirche aus Osnabrück verabschiedet und gleichzeitig das diesjährige Festival Musica Viva beendet. Auf seiner letzten Tournee hat das Quartett zusammen mit dem Saxofonisten Jan Garbarek noch einmal die gotischen Kirche am Osnabrücker Marktplatz besucht.

Das Hilliard Ensemble und Jan Garbarek: Das ist keine Verdoppelung von Wohllaut. Wäre dem so gewesen, hätte die Kombination sicher keine dreißig Jahre funktioniert, sondern wäre sehr schnell in Schönheit untergegangen. Welche Kraft jedoch dieses gemischte Quintett birgt, deutete schon der Beginn des Konzerts in der Marienkirche an.

Jan Garbarek eröffnet die pausenlosen achtzig Minuten mit ein paar schlichten Phrasen, die Hilliards unterlegen das, im Kirchenschiff verteilt, mit Liegetönen. Darüber steigert sich Garbareks Spiel zu höchster Intensität, mitunter fräsen sich seine Melodien laut in den weichen Klang des Hilliard Ensembles – doch der hält den scharfen Attacken stand.

Vierzig Jahre hat dieses Ensemble, in wechselnden Besetzungen, mit seiner sehr eigenen Art zu singen Kirchen gefüllt und den Plattenmarkt versorgt. Die Idee, Renaissancemusik mit Jazz-Saxofon zu kombinieren, hatte den Hilliards zum Durchbruch verholfen – es war alles andere als nur ein Marketing-Gag, sondern eine fruchtbare Begegnung, aus der ein höchst eigenständiges Wesen erwachsen ist. Das Geheimnis des Erfolges lässt sich in St. Marien noch einmal sehr gut beobachten: Beide Partner nehmen sich ihre Freiräume und gestehen sie dem anderen zu: Garbarek übernimmt einzelne Töne oder Motive, um sie in seinen Soli weiterzuspinnen, entfernt sich, kehrt zurück zu einem Ton, auf dem das Hilliard Ensemble wieder ansetzt und seinen anrührenden Gesang entwickelt . Und doch dominiert Garbarek das Geschehen anfangs sehr: Als die vier Sänger ihren Platz unter dem großen Kruzifix im Altarraum eingenommen haben, tritt der kühle Norweger zwar dezent nach hinten ab. Und doch drängt er die vierstimmigen Vokalsätze klanglich wieder in den Hintergrund. Die Hilliards aber bleiben unbeirrt. Auch sie bekommen die Gelegenheit, ihre Kunst zu entfalten.

Breit gefächert ist ihr Spektrum: Sie singen orthodoxe liturgische Gesänge, die Garbarek mit Zwischenspielen verbindet, es gibt zeitgenössische Chorsätze mit engen Klangtrauben und romantische Musik und, natürlich, Vokalpolyphonie der Renaissance, der musikalische Fixstern der Hilliards. Dabei verfügen die vier Herren – Countertenor David James, die Tenöre Rogers Covey-Crump und Steven Harrold sowie Bariton Gordon Jones – nach wie vor über jenen runden, homogenen Klang, der dieses Ensemble so einzigartig gemacht hat. Natürlich verstehen sich die Vier nach Jahrzehnten gemeinsamen Singens nahezu blind; bemerkenswert ist das exakte Miteinander trotzdem, ebenso wie die Reinheit des Klanges. Und nach wie vor arbeiten die Hilliards bei aller Fülle jeden Ton, jede Phrase präzise heraus. Die verschränkte Mehrstimmigkeit der Renaissance wird so zur Offenbarung, und wenn sie dann zu den Reibeflächen zeitgenössischer Kompositionen wechseln, braucht es einen Moment, bis man merkt, dass die vier Briten eben ein halbes Jahrtausend Musikgeschichte übersprungen haben – so charakteristisch ist der Klang dieses Sängerensembles. Selbst tänzerischer Lebenslust prägen sie mit dem Hilliardstempel – und auch das funktioniert prächtig. Zumal, weil Garbarek dazu den Spielmann in sich zulässt.

Gegen Ende verteilen sich die fünf Herren noch einmal im Raum, spielen ein bisschen mit der Akustik des Kirchenschiffes, kehren zurück und widmen sich klassisch-romantischen Sätzen aus der katholischen Liturgie. Mit „Dona nobis“ und dem folgenden „Amen“ gehen sie von ihrer Bühne im Altarraum ab, und es klingt wie der Wunsch der Hilliards an die Welt. Die Zugabe nimmt sich dann wie ein persönlicher Abschiedsgruß aus: „Remember me“, singen sie da, und Jan Garbarek windet dazu ein paar zarte Girlanden: Ja, wir werden sie in bester Erinnerung behalten.