Countdown zum Deutschen Buchpreis Thomas Melles „3000 Euro“ bleibt unter seinen Möglichkeiten

Von Karsten Herrmann

Der Autor Thomas Melle. Foto: dpaDer Autor Thomas Melle. Foto: dpa

Osnabrück. Am Montag, 6. Oktober, wird der „Deutsche Buchpreis“ für die beste deutschsprachige Roman-Neuerscheinung vergeben. Wir stellen täglich einen Finalisten vor.

Schon lange beklagt das deutsche Feuilleton, dass gerade auch in der jungen Literatur hierzulande das wirkliche Leben am sich vergrößernden Rande der Gesellschaft ausgeblendet bleibt und die mehr oder weniger vom Ennui geprägte Selbstbespiegelung bürgerlich-akademischer Mittelschichts-Töchter und -Söhne vorherrsche. Dankbar wurde daher Thomas Melles in der Welt der Discounter, der Pornos, der Tafeln und Obdachlosenasyle angesiedelter Roman „3000 Euro“ aufgenommen und prompt auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gehievt. Doch leider erweist sich Melles Ausflug in die Unterschicht als Flop.

Im Zentrum von „3000 Euro“ stehen der abgestürzte Anton und die nie aufgestiegene Denise, deren Wege sich in diesem Roman kreuzen und für die kurz die Möglichkeit eines gemeinsamen Glückes aufleuchtet. Anton stammt aus einer Arbeiter-Familie und hatte nach Abitur und begonnenem Jurastudium glänzende Zukunftsaussichten. Doch dann geriet er aus der Bahn und überschuldete sich in einem Rausch aus Drogen und Alkohol maßlos: „Das Gefühl des Höhenflugs war in Wahrheit der Schwindel des Absturzes gewesen.“ Nun steht er auf der Straße und wegen der titelgebenden 3000 Euro kurz vor einem Gerichtsverfahren zur Geschäftsunfähigkeit. Er ist einer der Unsichtbaren in dieser Gesellschaft geworden, die mit Scham und niedergeschlagenen Augen durch die Straßen schleichen und Pfandflaschen sammeln. Die Selbstachtung ist ihm ebenso abhandengekommen wie der Wille, etwas an seinem Zustand zu ändern: „Er will entfernt, abgeschafft werden, er will es aber nicht selber tun.“.

Denise ist alleinerziehende Mutter und Kassiererin im Discounter, wo sich ihr unaufhörlich das Warenband wie „die plattgewalzte Zunge eines trägen Monsters“ entgegenschiebt. Sie hält sich mit Amphetaminen am Laufen, zappt und chattet sich durch Facebook, Fernsehen und Hochglanz-Magazine, träumt von New York und spielt dafür als Nadine Laval sogar in einem Porno mit.

Thomas Melle erzählt seinen Roman in bewährter Strudeltechnik aus den sich stetig einander abwechselnden Innenperspektiven von Anton und Denise. In einem nur selten durch exquisitere Formulierungen durchbrochenen schlichten Naturalismus spiegelt er im authentischen Bemühen das ganz alltägliche, bescheidene und zuweilen beschämende Leben seiner Protagonisten, ihr Denken, Fühlen und Tun wider. Ihm gelingt es dabei jedoch nur ansatzweise, Atmosphäre und Drive aufzubauen, sodass die Geschichte eher lau vor sich hin treibt. Und so klischeehaft wie die um ihre Existenz kämpfende Denise mit ihren gefärbten Haaren und rosafarbenen Träumen, so unglaubwürdig und konstruiert kommt letztlich auch der von seinem Aufsteiger-Ast gefallene Anton daher.

Thomas Melle, der als wichtiger junger deutscher Theaterautor gilt und mit „Sickster“ einen sehr beeindruckenden Debütroman abgeliefert hat, bleibt mit „3000 Euro“ weit unten seinen Möglichkeiten. Er belegt die Schwierigkeit, sich literarisch den Rändern unserer Gesellschaft mit ihren Drop Outs zu nähern und dabei weder der Gefahr des Romantisierens oder Exotisierens zu erliegen noch dem Klischee oder dem voyeuristischen Niveau von Reality- und Talkshows zu verfallen.

Thomas Melle: „3000 Euro“. Roman. Erschienen bei Rowohlt Berlin, 204 Seiten, 18,95 Euro.


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