Ulla Hahn schließt Trilogie ab Großartiges Porträt der 68er-Jahre: „Spiel der Zeit“

Von Christine Adam


Osnabrück. Mit „Spiel der Zeit“ ist der Schriftstellerin Ulla Hahn ein sprachlich und zeitgeschichtlich großartiges Porträt der 68er-Jahre gelungen. Damit beendet sie die Trilogie über Hildegard Palm, zu der „Das verborgene Wort“ (2001) und „Aufbruch“ (2009) gehören.

„Lommer jonn“ – diese Aufforderung des Großvaters stellt Ulla Hahn l eitmotivisch an den Anfang und Schluss ihres dritten und dicksten Buches zur Lebensgeschichte ihrer Hildegard Palm. Doch Vorsicht, die bekannte Lyrikerin und Romanautorin will mit dem gemütlichen Kölsch dem Leser nicht Entspannung für ihre 600 Seiten signalisieren. Sie entwirft das junge Studentenleben ihrer „Hilla“ eher wie eine Sinfonie, für die es zwar eine Grundmelodie gib, aber eben auch neue, komplexe Impulse, die das Ausgangsmaterial verwandeln.

Die Leitmelodie des dreiteiligen Entwicklungsromans ist wieder Hillas Herkunft aus dem bildungsfernen und rheinisch-katholischen Arbeiter-Milieu, aus dem sie sich mühselig mithilfe von Sprache und Literatur befreit – keine Selbstverständlichkeit für ein junges Mädchen in den 60er-Jahren und „dat Kenk vun nem Prolete“.

Die ersten beiden Bücher „Das verborgene Wort“, als „Teufelsbraten“ (verfilmt) und „Aufbruch“ hatten eindringlich von dieser Selbsterfindung durch die (dialektfreien) Wörter, die Sprache und ihre qualvollen Rückschläge erzählt.

Nun geht Hilla vom ländlichen Dondorf in die Großstadt Köln, zum Germanistik-Studium. Und lernt den Groß- und vor allem Reichbürgerssohn Hugo kennen und lieben, der sie endlich vom Trauma der brutalen Vergewaltigung, der verschluckten Wörter und Gefühle befreit – und vom schrecklichen Schluckauf, sobald eine Situation dem Verkapselten zu nahe kam.

Beide studieren das Gleiche, erforschen und experimentieren lustvoll mit der Sprache als Regelwerk und individuellem Sprechakt. Sprachspiele lässt die versierte Lyrikerin Ulla Hahn denn auch leichthändig und virtuos einfließen. Doch nicht als Selbstzweck, sondern um das Gemeinte möglichst genau aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und es so zu bedeuten.

Wunderbar einleuchtend beschreibt sie auch, wie sich die Erfahrungen Hillas und die Erfindungen Ullas zueinander verhalten, sodass ein Roman daraus erwachsen konnte, der stark autobiografisch eingefärbt ist. Und eine köstlich-geistvolle Nagelprobe besteht diese Poetologie, indem die engagierte Germanistikstudentin Hilla Ezra Pounds Dichtung damit analysiert. Zu viel Anleihe bei der Tradition, ohne die in eigene sprachliche Erfindung zu verwandeln, erzeugt in ihrer harschen Quintessenz: zu viel „taubes Sprachgeröll“, das die Geduld des Lesers verspielt.

Das will Ulla Hahn vermeiden – und schafft es mit ihrem erzählerisch geschickten Balancieren zwischen Familien- und Zeitgeschichte. Denn Hilla und Hugo geraten in die gesellschaftlich-politischen Umbrüche der 68er-Jahre hinein mit Ostermärschen, Rudi-Dutschke-Reden und parolengetränkten „Schwafelbergen“ auf jeder Fete, von denen weder beim sprachgeschulten Liebespaar noch beim Leser viel hängen bleibt. Was nicht Ulla Hahn anzulasten ist, denn sie zeichnet den Zeitgeist und die Umbrüche dieser Jahre von der Theorie bis zur Hippie- und Hasch-Praxis erstaunlich detailreich und anschaulich nach. Es macht nachdenklich, wie bald schon die selbstbewusste revolutionäre Energie dieser jungen Generation der 68er-Entspannung und freiwilligen Geistesvernebelung in I-Ging-Orakel-Hokuspokus oder der wummernden Demagogie von großen Rock-Konzerten etwa Frank Zappas suchte.

Das ist einem sprachlich wie zeitgeschichtlich großartigen Roman zu verdanken, als Schlusspunkt einer Trilogie, in der sich viele Menschen nicht nur aus Ulla Hahns Generation wiederfinden dürften.

Ulla Hahn, „Spiel der Zeit“, Roman, Deutsche Verlags-Anstalt, 608 S., 24,99 Euro