Mit Ausrutscher in die neue Saison „Falstaff“ in Oldenburg: Opern-Clooney macht sich zum Trottel

Von Ralf Döring

Von diesem Falstaff (Marco Chingari) könnte erotischer Reiz ausgehen. Stattdessen macht er sich zum Trottel. Foto: Karen StukeVon diesem Falstaff (Marco Chingari) könnte erotischer Reiz ausgehen. Stattdessen macht er sich zum Trottel. Foto: Karen Stuke

Oldenburg. Mit Giuseppe Verdis „Falstaff“ startet die Ära des neuen Generalintendanten Christian Firmbach am Staatstheater Oldenburg. „Alles auf der Welt ist Spaß“, heißt es dort am Ende – aber nicht jeder Spaß ist wirklich gut.

Sir John Falstaff ist ein Macher und Manipulator. Das sieht man im Staatstheater Oldenburg: Er winkt Figuren auf die Bühne, dirigiert sie mit autoritärer Stimme auf ihre Plätze, setzt sich selbst in einen plüschigen Leseonkel-Sessel, und los geht’s: Das Spiel kann beginnen.

Mit einer bitteren Komödie hat sich Giuseppe Verdi von der Opernbühne verabschiedet, und deren Tempo und Drastik lässt der musikalische Leiter des ganzen Unternehmens, Generalmusikdirektor Roger Epple, deutlich hören und spüren. Er treibt das Stück voran, untermalt sensibel, verleiht der Komödie Tiefe, weil er die Partitur ausleuchtet und mithilfe des Oldenburgischen Staatsorchesters präzise interpretiert. Dazu passt das Darstellerensemble: Es wird gut gesungen am Staatstheater Oldenburg.

Weit weniger Freude bereitet die Regie von Tom Ryser . Der Schweizer Regisseur misstraut offenbar dem Setting von Verdi und seinem Textdichter Arrigo Boito. Statt eines rustikalen Wirtshauses stellt Ausstatter Stefan Rieckhoff das Staatstheater Oldenburg auf die Bühne. Die Idee kennt man zur Genüge, etwa von Stefan Herheim, der in seinem Bayreuther „Parsifal“ dem Publikum den Spiegel vorhält. Oder Andrej Woron, der für „Hoffmanns Erzählungen“ das komplette Bremer Goetheplatztheater inklusive Restaurant und Kellner auf die Bühne gebaut hat: eine Pointe, an die sich ein Handlungsfaden knüpft. Hier führt die Idee schnurstracks ins dramaturgische Nichts: Bühnenbild und der hinzu erfundene Prolog auf der Bühne deuten ein Theater im Theater an. Aber der Handlungstrieb, der daraus erwachsen müsste, verkümmert jämmerlich, weil Ryser ihn nicht konsequent pflegt.

Aber da ist ja noch eine andere Idee; Ryser spricht im Programmheft davon: Er versteht Falstaff nicht als versoffenen Dickwanst; aus seiner Sicht ist er „ein stattlicher, attraktiver und geistreicher Mann“, ein „Hallodri“ und Genussmensch. So zeigt er ihn auch: Zwar wird Marco Chingari mit grau meliertem Haupt- und Barthaar und Smoking nicht gleich zum Opern-Clooney, aber eine gewisse Anziehungskraft geht schon von ihm aus. Würde Chingari noch etwas weniger kraftmeiern und seinen Bariton stattdessen etwas feinsinniger einsetzen, könnte der Ansatz, Falstaff als erotische Gefahr für brave Bürgerehen zu interpretieren, durchaus aufgehen.

Nur: So ein Charakter steigt nicht ohne Weiteres in einen Korb voller schmutziger Wäsche, und er fällt schon gar nicht auf Gruselgeschichten, Feen und Kobolde herein. Hier klafft ein dramaturgisches Loch, das Ryser auf die denkbar unkreativste Weise überbrückt: Bevor Falstaff zum Date mit Alice (lyrisch und selbstbewusst: Valda Wilson) geht, macht sich der grau melierte Beau doch zum dicken Trottel – den Ryser ja nun gerade nicht zeigen wollte.

Doch nicht nur damit tut sich der Regisseur schwer. Die Gegenwelt zum Weltentheater ist der muffig-bürgerliche Charme von Fords Wohnung – Bariton Richard Morrison singt den Hausherrn mit Biss. Die Herrschaften dort kleiden sich in Jagdgrün, und an der Wand hängen Hirschgeweihe sonder Zahl. Hängt aber an der Wand ein Geweih, muss damit auch Schabernack getrieben werden – wozu ja dann in der letzten Szene genug Gelegenheit ist. Aber die Chance, mithilfe eines eleganten Falstaff die Geschichte erotisch aufzuladen und griffig zu machen, vergibt Ryser – durch Ideenlosigkeit, die er mit lauen Slapstick-Einlagen zu kaschieren versucht. Mit der Schlussfuge als Zugabe rückt er Verdis Vermächtnis dann zu allem Überfluss auch noch in Richtung Provinzposse – hoffen wir, dass es kein Menetekel für die Ära Firmbach wird.


Weitere Vorstellungen: 3., 10. und 12. Oktober. Karten: www.staatstheater.de oder Tel. 0441/2225-111