Aus unbekümmerten Spielchen wird Ernst Wendungsreicher Cyber-Thriller: „Who Am I“

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Osnabrück. In seinem zweiten Spielfilm „Who Am I“ überrascht Regisseur Baran bo Odar sein Publikum mit einem wendungsreichen Cyber-Thriller in hochkarätiger Besetzung.

Zaubern ist einfach. Hat man erst einmal den Trick durchschaut, droht sich die ursprüngliche Faszination über dessen Wirkung in pure Enttäuschung zu wandeln. Dabei sind es stets ganz einfache Mittel, mit denen die größten Zauberer ihr Publikum verblüffen. Das schließlich getäuscht werden will.

Der Schweizer Regisseur und Drehbuchautor Baran bo Odar („Das letzte Schweigen“) entpuppt sich in seinem zweiten Spielfilm „Who Am I – Kein System ist sicher“ als gewiefter Zauberer, der mit simplen Mitteln sein Publikum in einer rasant inszenierten Geschichte an der Nase herumführt. Ungefähr so wie Tom Schilling als Hacker Benjamin, der zu Beginn vor den Augen einer Europol-Ermittlerin (Trine Dyrholm) ein paar Zuckerwürfel verschwinden und wieder auftauchen lässt. Ja, dieser simple Zaubertrick wird am Ende aufgelöst.

Auch der Film lebt von im Grunde genommen simplen Tricks und Handlungsmustern, die dank raffinierter und gewitzter Inszenierung zu einem verblüffenden Ergebnis führen. Dazu gehören ausdrücklich die hier ganz bewusst und aus gutem Grund eindimensional gezeichneten Protagonisten. Im Mittelpunkt steht Hacker Benjamin. „Eine Null unter lauter Einsen“, wie er sich selber aus dem Off beschreibt. Nach dem Selbstmord seiner psychisch kranken Mutter wächst er bei der Oma auf, hat keinerlei soziale Kontakte und verkriecht sich hinter Computern.

Da kann er alles und erkennt schon früh: „Hacken ist wie Zaubern.“ Nur an seine heimliche Liebe Marie ( Hannah Herzsprung ) kommt er nicht heran. Als er nach einer verliebten Dummheit zu 50 Stunden Sozialdienst verdonnert wird, lernt er Max (Elyas M’Barek) kennen. Der ist zwar auch Hacker, aber personifiziert das extrovertierte Gegenteil von Benjamin.

Gemeinsam mit der paranoiden Spaßbremse Paul ( Antoine Monot Jr .) und dem ausschweifenden, ansonsten völlig konturlosen Stephan ( Wotan Wilke Möhring ) gründen sie das Hacker-Kollektiv „CL@Y – Clowns Laughing @ You“. Ihr Ziel: Anerkennung beim Untergrund-Guru MRX. Aber der lacht nur über die Clowns. Doch nach einem gelungenen Coup beim BND wird aus den unbekümmerten Cyber-Spielchen blutiger Ernst.

Schon bis zum scheinbar vorweggenommenen Ende gelingt Odar ein reizvoll bebilderter Cyber-Thriller. Der Chatroom im Darknet wird durch einen U-Bahn-Waggon mit lauter maskierten Egomanen bebildert. Das Hacker-Quartett kommt dank „Social Engineering“ viel an die frische, freilich nächtliche Luft. Und der ständige Aktionismus der Gruppe sorgt für eine anhaltende Grundspannung. Da ist immer was los!

Was sich jedoch erst ganz zum Schluss offenbart, ist die Doppelbödigkeit, die hinter den scheinbar simplen Gestalten in der nur auf den ersten Blick zu einfach gestrickten Handlung steckt.

Auch wenn man den inszenatorischen Trick hinter dem überaus wendungsreichen Ende zu erkennen glaubt – diese gelungene Täuschung ist keine Enttäuschung.

Who Am I – Kein System ist sicher. D 2014. R.: Baran bo Odar. Darsteller.: Tom Schilling, Elyas M’Barek, Wotan Wilke Möhring, Hannah Herzsprung. Laufzeit: 106 Minuten. Ab 12 Jahren. Cinema-Arthouse, Cinestar, Filmpassage.


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