„Inspiration Japan“ in Essen Wie japanische Ästhetik Europas Moderne prägte

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Essen. „Inspiration Japan“: Das Essener Folkwang bringt japanische Kunst und Europas Moderne zusammen - in einem Blockbuster für das große Publikum.

Hokusais „Große Welle“, Seidengewänder, Bildrollen mit Reihern und Pflaumenblüten: Lange vor Manga oder Godzilla entdecken Europas Künstler Japan als Welt entrückter Schönheit. Das Museum Folkwang beleuchtet jetzt, wie Claude Monet, Vincent van Gogh, Paul Gauguin und andere aus dem Hype des Japonismus große Kunst der Moderne machten. Das Museum bietet dafür 400 Werke aus internationalen Museen auf. Eine Ausstellung als Sinnenzauber.Keine Angst, es ist ja nur eine Holzmaske: Das scheinen sich die beiden jungen Damen zu sagen, die Alfred Stevens 1874/75 auf seinem Gemälde „Die japanische Maske“ in Szene setzt. Mit aufgerissenen Augen und verzerrtem Mund zeigt die Maske eine böse Fratze. Doch die Frauen aus der besseren Gesellschaft bleiben ruhig. Sie schauen fasziniert und zugleich ein wenig gelangweilt auf das Schockgesicht aus Fernost. Funktioniert so der Kontakt mit einer fremden Kultur – als Mischung aus Interesse und Befremdung?

Das Museum Folkwang inszeniert mit dem Japonismus eine heiße Modephase der Belle Époque. Seit der Öffnung japanischer Häfen für westliche Kaufleute ab 1854 gelangen auch japanische Holzschnitte, Wandschirme, Rollbilder, Theatermasken, Teeschalen oder Seidengewänder nach Europa. Vor allem in Paris avanciert japanische Ästhetik zum hippen Trend – nach den Chinoiserien und der Orientmode des 18. Jahrhunderts. Künstler reagieren wie im Fieber. „Im Ernst, das dürfen Sie nicht verpassen. Die Japaner müssen Sie sich ansehen“, schwärmt Mary Cassatt ihrer Künstlerfreundin Berthe Morisot von einer Ausstellung japanischer Holzschnitte vor. Und Camille Pissarro stellt vor Bildern der Grafiker Hiroshige und Hokusai befriedigt fest: „Hiroshige ist ein prachtvoller Impressionist. Diese Japaner bestärken mich in meiner Sehweise“.

Von Impressionisten wie Monet bis zu Avantgardisten wie Matisse reicht die Reihe jener Künstler, die aus der flächigen Arabeskenkunst und fremdartig erscheinenden Farbigkeit japanischer Holzschnitte ganz neue Bilder schaffen. Auf Gemälden wie Renoirs „Stillleben mit Bukett und Fächer“ (1871) bleibt der Fächer aus Japan noch exotisches Requisit. Doch mit Pierre Bonnards „Frauen im Garten“, einem Bild als mehrteiligem Paravent (1890/91), avanciert japanische Formgebung und Bildauffassung zum ästhetischen Modell – als serielle Wiederholung des gleichen, in dekorative Muster übersetzten Motivs. Der Japonismus als Impuls für Impressionismus und Formgestaltung: Diesem Entwicklungsstrang geht die Essener Ausstellung nach.

Damit erzählt das Museum keine neue Geschichte: Der Einfluss japanischer Kunst auf Europas Moderne ist bekannt, das Verhältnis vieler Künstler zu japanischer Kunst in vielen Ausstellungen beleuchtet. Diesem Kenntnisstand fügt die von Sandra Gianfreda in zwölf Kapiteln eingerichtete Schau kaum unerwartete Aspekte hinzu. Das Essener Museum punktet mit prunkvollen Exponaten und nicht zuletztmit dem einschlägigen Profil der eigenen Sammlung. Sammler Karl Ernst Osthaus (1874–1921), der das Museum 1902 in Hagen gründete, trug neben den Werken europäischer Avantgardisten auch Kunstgegenstände aus anderen Kulturen, darunter derjenigen Japans, zusammen. Osthaus folgte seiner Idee absoluter Schönheit über Kulturgrenzen hinweg.

Entsprechend kann das Haus heute aus eigenem Bestand aufbieten, was sich schon vor über 100 Jahren aufeinander bezog – das seidene Gewand aus dem japanischen Masken-Theater und die „Reiter am Strand“ von Paul Gauguin, die wie eine einzige blaue Arabeske aufgetürmte „Große Welle“ von Hokusai und die „Seerosen“-Bilder von Claude Monet. Durch internationale Leihgaben verstärkt So ergibt sich ein splendider Parcours, in dessen Verlauf auch feine Verästelungen der Kunstentwicklung im Geiste Japans ausgeleuchtet werden. Beste Beispiele dafür liefern Henri Rivière mit seinen „36 Ansichten des Eiffelturms“ (1902), die das Pariser Wahrzeichen hinter zarten Blütenzweigen zeigen, oder Mary Cassatts Bildserie „Die Zehn“ (1890/91), die Frauen in intimen Interieurs mit japanisch inspirierter Zartheit inszenieren.

Die Raumfolge der Ausstellung macht den Einfluss japanischer Bild- und Formästhetik auf die europäische Moderne plausibel. Die Reflexion des Kulturkontaktes als unvermeidliche Mischung aus Faszination und Fremdheitsschock tritt dahinter spürbar zurück. Da das Folkwang vor allem die eigenen Bilderstars von van Gogh, Gauguin oder Monet als triumphale Belege der von Japan inspirierten Kunstbewegung vorführt, bleiben mit Jugendstil und Expressionismus zudem weitere wichtige Stilrichtungen ausgespart, die das Profil ihrer Ästhetik am japanischen Vorbild schärften. So feiert das Museum Folkwang mit dieser Schau auch die eigene Sammlung. Nach Karl Lagerfeld im Frühjahr und einer Ausstellung zur Fotografiegeschichte im Sommer folgt nun der Blockbuster als sinnlich berauschendes, allerdings auch überraschungsfreies Hochglanzprodukt. Überwältigender Publikumszuspruch wird dieser Inspiration aus Japan sicher sein. Er wird allerdings auch benötigt, um diese von dem Energiekonzern EON gesponserte Schau auch zu einem wirtschaftlichen Erfolg zu machen. Angaben zum Budget blieb das Museum beim Presserundgang auf Nachfrage schuldig.

Essen, Museum Folkwang: Monet, Gauguin, van Gogh...Inspiration Japan. 27. September 2014 bis 18. Januar 2015. Di.–Do., 10–20 Uhr, Fr., 10–22 Uhr, Sa., So., 10–18 Uhr. www.museum-folkwang.de


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