Christian Petzolds „Phoenix“ Brillantes Geschichtskino über den Holocaust

Von Daniel Benedict


Berlin. Eine Frau kehrt aus dem KZ in ein Deutschland zurück, das ihre Leiden ausblenden will: Aus dieser Geschichte machen Christian Petzold, Nina Hoss und Ronald Zehrfeld mit „Phoenix“ ein Meisterwerk über die Verdrängung von Schuld und Gewalt.

Unmittelbar nach Kriegsende kehrt Nelly aus dem KZ nach Deutschland zurück. Die Erfahrungen im Lager haben nicht nur ihre Seele beschädigt; ihr Gesicht muss ein plastischer Chirurg rekonstruieren. Der Arzt rät zu einem ganz neuen Gesicht, weil die früheren Züge ohnehin unerreichbar sind. Nelly will die Alte sein.

Es gibt kein Zurück in die Zeit vor dem Holocaust; das Trauma ist nicht umkehrbar. Um diesen Gedanken strickt Christian Petzold sein geschichtspsychologisches Kammerspiel „Phoenix“, in das Motive von Hubert Monteilhets Roman „ Le Retour des Cendres“ (1961) eingeflossen sind, 1965 übrigens schon einmal verfilmt, damals mit Maximilian Schell , Samantha Eggar und Ingrid Thulin.

Nelly legt einen extremen Weg zurück, bis sie die Verwundung als Teil ihrer Person anerkennt. Begleitet wird sie von zwei Figuren, die in beiden Richtungen an ihr zerren: Die Freundin Lene ist Zionistin und möchte mit ihr lieber heute als morgen nach Palästina auswandern. Nelly aber will bei ihrem Ex-Mann Johnny bleiben – obwohl der sie nicht erkennt.

Trotzdem nimmt Johnny sie auf, damit die vermeintlich Fremde in Nellys Rolle schlüpfen kann – und ihm den Weg an ihr Erbe ebnet. Nelly lässt sich darauf ein und wird zur Doppelgängerin ihrer selbst. Je mehr Johnny sie als ihr altes Ich verkleidet, desto stärker begreift sie ihre Verletzungen als ihre wahre Identität – und entfernt sich von einer Welt, die das Vergangene nach Kräften ausblenden will.

Immer wieder erzählt Christian Petzold von weiblichen Phantom-Existenzen. Mal sind persönliche Schicksale die Ursache. (Wie der Verlust eines Kindes in „Wolfsburg“, 2003, und „Gespenster“ ,2005.) Oft sind die Biografien der Petzold-Frauen auch mit der Zeitgeschichte verknüpft, mit den RAF-Jahren ( „Die innere Sicherheit“, 2000) oder der deutschen Teilung ( „Barbara“ , 2012).

Sein erster Holocaust-Film macht nun besonders deutlich, wie fruchtbar Petzolds Ansatz ist, Geschichte als Entfremdungsprozess zu betrachten. Schon weil das Gros der Produktion so anders erzählt ist. Gerade bei der NS-Vergangenheit betreibt der Film gern Wissensvermittlung. Werke wie „Anonyma“ (2008) oder „Unsere Mütter, unsere Väter“ (2013) treten bis heute mit dem Anspruch an, Tatsachen gegen Tabus und Denkverbote zu etablieren – hier die Vergewaltigungen der Nachkriegszeit, dort die Verstrickung der ganz normalen Deutschen.

All diese Filme arbeiten ehrenwert, wenn auch mitunter reichlich spät gegen die Verdrängung. Petzold macht etwas ganz anderes. Er denkt darüber nach, was Verdrängung überhaupt ist, wie sie funktioniert und welchen Schaden sie anrichtet. Wer ist man, wenn man wie Phoenix aus der Asche wiederaufersteht?

Den vordergründigen Realismus der Filmaufklärer ersetzt er durch eine ganz und gar künstliche Geschichte, das Schauspiel kann dadurch umso wahrhaftiger werden – weil die Figuren nun nicht Stellvertreter einer historischen Situation sind, sondern einen aufs Äußerste zugespitzten Konflikt erleben: Nina Hoss im störrischen Kampf um ihr beschädigtes Ich, Ronald Zehrfeld als beklemmend freundlicher Verdränger, Nina Kunzendorf als sein Gegenteil: als Frau der schonungslosen Konsequenz.

Seinen Stoff hat Christian Petzold wie gewohnt mit seinem langjährigen Vertrauten, dem Essayfilmer Harun Farocki , erarbeitet. Es war die letzte Kooperation der beiden. Am 30. Juli ist Farocki gestorben.

„Phoenix“. D 2014. R: Christian Petzold. D: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf. 98 Minuten. Ab 12 Jahren.