Charmantes Gesicht der Avantgarde Vor 100 Jahren starb der Maler August Macke

Von Dr. Stefan Lüddemann


Münster/Bonn. Er ist das lächelnde Gesicht der Avantgarde: August Macke. Seine Bilder bezaubern das Kunstpublikum bis heute mit ihrem Glücksklang heller Farben. Doch August Mackes Leben selbst endete tragisch. Am 26. September vor 100 Jahren verlor er sein Leben wenige Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Der charmanteste Expressionist stirbt den grausamsten Tod. Am 26. September 1914 attackiert August Mackes Kompanie französische Stellungen bei Perthes-les-Hurlus in der Champagne. Das Gefecht ist heftig. Macke und viele seiner Männer fallen im MG-Feuer. „Ihr Mann bekam einen Beinschuss und [...] einen zweiten Schuss, wahrscheinlich in den Kopf“, schreibt Hauptmann Anz an Mackes Frau Elisabeth. „Mit seinem Tod knickt eine der schönsten und kühnsten Kurven unserer deutschen künstlerischen Entwicklung jäh ab“, klagt Mackes Malerfreund Franz Marc, der zwei Jahre später bei Verdun sein Leben verlieren wird.

August Macke wird gerade einmal 27 Jahre alt. „Er war der Shootingstar der Kunstszene vor dem Ersten Weltkrieg“, konstatiert Dr. Klara Drenker-Nagels, Direktorin des Bonner August-Macke-Hauses . Das allein erklärt nicht, warum Mackes Kunst bis heute für Rekordzahlen in den Museen sorgt. Seine Bildmotive von Spaziergang bis Modegeschäft wirken oft unspektakulär. Doch August Macke taucht jedes Sujet in das läuternde Licht hell schwingender Farbakkorde. Auf seinen Bildern herrscht ein ewiger Sonntag. Und Macke selbst bringt das Kunststück fertig, ein Neuerer der Kunst zu sein, ohne im Mindesten ideologisch zu wirken. August Macke bricht entschieden mit Kunstkonventionen, feiert aber das große Einverständnis mit dem Leben. Drenker-Nagels: „Macke hat alles geliebt, was die Welt ausmacht.“ Das honoriert das Publikum. Der einstige Shootingstar ist im aktuellen Kunstbetrieb Everybody’s Darling.

„Der hellste Klang“

Dabei hat sich Macke erst hocharbeiten müssen. Und er hatte Glück. Der im sauerländischen Meschede am 3. Januar 1887 geborene Macke wächst in einer Familie auf, die es schwer hat. Nur dem Fabrikanten und Mäzen Bernhard Koehler hat es Macke zu verdanken, dass er die Kunstakademie und Kunstgewerbeschule in Düsseldorf besuchen kann. Macke reist nach Paris, in die Schweiz, saugt alle Anregungen auf, die die Avantgarde zu bieten hat. Und er lernt schnell. Im Kontakt mit Franz Marc und der Künstlergruppe Der blaue Reiter etabliert sich Macke als Sensationstalent. „Er hat vor uns allen der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben“, feiert Franz Marc den Freund.

Als einen der besten Koloristen des Jahrhunderts feiern ihn heute die Kunstexperten. Drenker-Nagels verweist auf Mackes „durchleuchtete Bilder“. Und Dr. Tanja Pirsig-Marshall, Kuratorin am gerade wieder neu eröffneten LWL Museum für Kunst und Kultur in Münster, lobt: „Kaum einer konnte so gut mit Farben umgehen wie Macke. Er hatte die Fröhlichkeit, die die Menschen anspricht.“ Das Münsteraner Haus erlebt 1982 mit der Ausstellung der Aquarelle, die Macke, Paul und Klee und Louis Moilliet im April 1914 während ihrer legendären Tunisreise schaffen, einen der größten Ausstellungserfolge für Macke. Das Haus hütet neben dem jetzt digital aufbereiteten zeichnerischen Nachlass des Künstlers noch einen besonderen Schatz – das vier mal zwei Meter große „Paradies“-Bild, das Macke und Marc im Oktober 1912 auf die Wand von Mackes Bonner Atelier malen . Fuchs, Büffel, Reh, das erste Menschenpaar: Eingefügt in ein sanft schwingendes Strebenwerk aus Stämmen und Ästen leben Mensch und Tier in einer von der Kunst gestifteten Harmonie.

So viel Einklang kann misstrauisch machen. Wo bleibt in Mackes Werk die Sozialkritik, wo die düstere Seite der Existenz? Die knappe Antwort: Diese Dimension gibt es bei ihm nicht. Der Maler verklärt aber nicht einfach den Alltag, er konzipiert eine gesteigerte Version des Lebens. Die reine, explosiv leuchtende Farbe dient ihm dabei als Treibsatz und Medium. Zum Jubiläum geht die Erfolgsgeschichte weiter. Das Bonner Macke-Haus zeigt „Das verlorene Paradies“ (26. September bis 25. Januar 2015), das Bonner Kunstmuseum „August Macke und Franz Marc. Eine Künstlerfreundschaft“ (25. September bis 4. Januar 2015).