Autor entdeckt den jiddischen Schriftsteller Abramovitch Walsers Wende: Bekenntnis zu deutscher Schuld

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Der Autor sucht das Einvernehmen: Martin Walser auf seiner Bank am Bodensee. Foto: dpaDer Autor sucht das Einvernehmen: Martin Walser auf seiner Bank am Bodensee. Foto: dpa

Osnabrück. Martin Walser entdeckt jiddische Literatur - und bekennt sich zu deutscher Schuld. Sein kleines Buch über den Autor Abramovitch ist eine versteckte Sensation.

Osnabrück. Das Wort von der „Moralkeule“ ist Martin Walser lange Jahre nicht wieder losgeworden. Das Gedenken an Auschwitz eigne sich nicht dafür, „Einschüchterungsmittel oder Moralkeule“ zu werden, hatte Walser am 11. Oktober 1998 in seiner Dankrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche gesagt. Ob Missverständnis oder nicht: Das Stichwort „Moralkeule“ entzündete die Walser-Bubis-Debatte . Ignaz Bubis, damals Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, nannte Walser einen „geistigen Brandstifter“. Kritiker hielten ihm vor, das Gedenken an den Holocaust revidieren zu wollen.

Walsers letzter Roman heißt „Die Inszenierung“. Wie gut ist das Buch um einen alternden Liebhaber? Lesen Sie hier die Rezension.

Und heute? „Mir ist im Lauf der Jahrzehnte vom Auschwitz-Prozess bis heute immer klarer geworden, dass wir, die Deutschen, die Schuldner der Juden bleiben. Bedingungslos. [...] Wir können nichts mehr gutmachen“, schreibt Walser in einem schmalen Bändchen, das in seinem uferlos umfangreichen Gesamtwerk untergehen würde, wenn es nicht ein so wichtiges Thema wie das Andenken an den Holocaust mit behandeln würde. Ist das Walsers Wende?

Martin Walser erinnert an Sholem Yankev Abramovitch (1835–1917). An wen? Diesen Begründer der jiddischen Literatur kennen nur Spezialisten wie die Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein. Martin Walser folgt der Forscherin auf scheinbar entlegenes Terrain, nur um dann umso herzenswärmer eine Leseentdeckung zu feiern, die ihm ein „Gelobtes Land“ der Literatur weist. Walser als liebender Mann vor einer Schönheit aus Buchstaben?

Martin Walser ist ein Erotiker der Sprache. Musterbeispiel: Sein Roman „Das dreizehnte Kapitel“. Lesen Sie hier die Analyse des Buches.

Was als sprödes Philologenexerzitium beginnt, entwickelt sich zum Bekenntnisrausch. Walser bleibt Walser, auch wenn er über Bücher schreibt. Er buchstabiert sich in die Erzählwelt von Abramovitch regelrecht hinein, nur um sich dann umso heftiger an den Texten dieses weithin unbekannten Autors zu entzünden. Das Fremdheitserlebnis als schlagartig erhellte Selbsterkenntnis: Walser spielt dieses Motiv virtuos durch, virtuos bis an die Grenze wortreicher Selbstüberredung.

Dabei geht es nicht nur darum, mit Abramovitch einen Autor zu feiern, dessen Werke Walser umstandslos neben Goethes „Wilhelm Meister“ oder Flauberts Romane stellt. Walser begeistert sich mit Abramovitch für das Ideal eines Autors, dessen Texte zum allgemeinen Besitz werden, weil sie die Sprache der vermeintlich einfachen Leute zum Literaturidiom erhebt. Walser feiert Abramovitchs Schilderungen des jüdischen Lebens im Getto als „eine einzige Zärtlichkeitsfülle“.

Martin Walser ist der Chronist der bürgerlichen Mitte. Lesen Sie hier eine Einordnung seines Werkes zu seinem 85. Geburtstag.

Walser will mit dem jiddischen Autor Literatur als große Zustimmung entdecken – und distanziert sich zugleich vom eigenen kritischen Literatentum. Eine Glaubensvolte, wie sie Walser auch schon in seinem Gottesroman „Muttersohn“ (2013) angedeutet hatte. „Gott-Seligkeit“, wie sie Walser bei Abramovitch findet, statt Zeitanalyse?

Mit seinem Roman „Muttersohn“ hat Martin Walser schockiert. Der Zeitgeistspötter als Gottsucher? Lesen Sie eine Kritik des kontrovers debattierten Romans.

Da sei der beredte Spötter vor, der auch und gerade in Martin Walser wohnt. Weit mehr Zustimmung wird Walser mit seinen Beobachtungen zur jiddischen Sprache finden. Die verweise direkt auf das Deutsche. „Aber dass deutsche Soldaten ein Volk ermorden wollten, das der eigenen Sprache entstammte, das macht die Bösartigkeit der Handlung zur Absurdität“, schreibt Walser und hält fest: „Mord bleibt Mord.“ Mit solcher Deutlichkeit tilgt Walser das Wort von der „Moralkeule“ wohl endgültig. Und er macht klar, wie sehr der Holocaust als Völkermord auch ein Kulturmord war. Diese Analyse lohnt die Lektüre. Walser als geradezu gläubig verehrender Leser hingegen befremdet.

Martin Walser: Shmekendike Blumen. Ein Denkmal für Sholem Yankev Abramovitch. 124 Seiten. Rowohlt Verlag . 14,95 Euro.


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