Jazz spricht Kurdisch Morgenland Festival: NDR Bigband, Aynur und Dhafar Youssef

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Osnabrück. Zwei nicht nur Highlights präsentierte das diesjährige Morgenland Festival am Sonntag im Osnabrücker Club Rosenhof. Dabei war zunächst auch die Bühne restlos gefüllt: Die NDR Bigband begleitete unter der Leitung von Wolf Kerschek erstmals die kurdische Sängerin Aynur.

Bereits zum dritten Mal ließ die NDR Bigband sich beim Morgenland Festival auf ein „wildes Programm“ ein, wie Festivalleiter Michael Dreyer einleitend sagte. Vor zehn Jahren hat er die Veranstaltungsreihe aus der Taufe gehoben; inzwischen hat sie sich in einem Segment positioniert, das man im Filmbereich ein A-Festival nennen würde – Dreyer bietet musikalische Weltklasse. An diesem Abend mit Aynur und der NDR Bigband.

Sphärisch geht es los, mit leiser Querflöte von Fiete Felsch, der Langhalslaute Tembur von Cemil Qocgiri und gedämpften Posaunen, zu denen die 39-Jährige zunehmend lauter ihre Stimme erhebt. Die Rhythmussektion gibt das Startsignal für den Rest der Bigband: Kerschek hat brillant das Wesen der kurdischen Musik mit ihrer Folge aus langsamem Intro und Powerplay in die westliche Bigband-Sprache überführt. Dabei räumt Kerschek dem Gesang viel Platz ein, findet Klangfarben, die Aynurs Gesang wunderbar stützen. Zurückhalten muss sich die Band dabei nicht: Aynurs Altstimme setzt sich mit der einer Kraft durch, wie man sie sonst von großen amerikanischen Soul-Diven kennt – mit denen sie sich, was Stimm-Charisma und Bühnenpräsenz angeht, ohne Weiteres vergleichen kann.

Wie die singt sie auch von Liebe, mal locker flockig begleitet von der Bigband, mal tiefgründig und weitergedacht in einem umwerfenden Klaviersolo von Vladyslav Sendecki. Andere Themen entspringen hingegen doch eher der Seele eines heimatlosen Volkes; Vater und Sohn, die sich wegen des Krieges nicht treffen können – das klingt nach ur-kurdischem Stoff. Aber auch hier behauptet die Bigband ihre klangliche Identität – und Peter Bolte führt mit einem impulsiven Altsaxofon-Solo Aynurs klagenden Gesang weiter. In der Musik können Ost und West sehr wohl zusammenfinden. Vorausgesetzt, der Wille und die Sensibilität sind da – und Exotismus bleibt ebenso fern wie Assimilierung.

Nach der Umbaupause ist die Bühne dann zwar leerer, aber die Crossover-Darbietung nicht weniger geglückt. Der tunesische Ausnahmesänger und begnadete Oud-Spieler Dhafer Youssef brillierte nicht nur mit seiner virtuosen Band (Kristjan Randalu, Klavier, Chris Jennings, Kontrabass, Ferenc Nemeth, Schlagzeug, Eivind Aarset, E-Gitarre), sondern auch mit seiner außergewöhnlichen Stimme, die er mitunter in ungeahnte Tonhöhen schwingt. Als „geborener Moslem“ glaube er an Jesus – „weil er Wein liebt“ – und findet die bescheidene Parallele zu sich selbst: Der Wein hat den Moslem zu „Sweet Blasphemy“ inspiriert, ein wunderschön melancholisches Stück aus seinem aktuellen Album „Birds Requiem“, das musikalisch leichtfüßig und inhaltlich augenzwinkernd eine Brücke zwischen den Kulturen schlägt. Youssefs Versprechen, „weniger Lärm“ zu machen, weil er dafür zu alt sei, ist natürlich pure Koketterie: Die Musik ist entspannt und entspannend wie ein Glas Rotwein, ist Jazz-Pop mit einem Hauch Exotik. Den fruchtbareren Dialog führten freilich Aynur und die NDR Bigband.


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