Schau im Bremer Gerhard Marcks Haus Kunstwerke ahmen die Natur verblüffend genau nach

Von Dr. Stefan Lüddemann


Bremen. Wo liegt die Grenze zwischen Kunst und Natur? Das Bremer Gerhard Marcks Haus zeigt Kunstwerke, die Naturformen täuschend echt nachahmen.

Bremen. Nach der Natur: So schufen Künstler ihre Werke früher mit größter Selbstverständlichkeit. Das Naturvorbild galt als sicherer Halt, als Instanz der Beglaubigung und obendrein als geachtetes Qualitätsmerkmal. Doch was soll der Begriff heute bezeichnen – in einer Zeit, in der Natur keine sichere Referenz mehr ist, sondern vom Menschen nur noch als formbarer Stoff für die eigenen Gestaltungsvisionen angesehen wird? Mit dem Ausstellungstitel „Nach der Natur“ stellt das Bremer Gerhard-Marcks-Haus ein heikles Verhältnis zur Diskussion.

Kuratorin Yvette Deseyve hat vier Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die das Verhältnis von Naturvorbild und Kunstwerk ganz unterschiedlich deuten. Dabei reicht der Bogen vom verwirrend identischen Abbild bis zu hybriden Verschmelzungsformen oder Kunstwerken, die selbst wie formlose Organismen wuchern und Naturwesen zu sein scheinen. Was ist bei diesen Grenzüberschreitungen und Camouflagen noch natürlich? Und wo hat die Form der Kunst ihre Grenze? Das freie Spiel mit den gar nicht mehr so eindeutigen Zuordnungen ist eröffnet.

Wenigstens bei der Finnin Anne Koskinen scheint die Grenze zwischen Natur und Kunst noch eindeutig gezogen zu sein, wenn auch um den Preis einer mitleidlosen Prozedur. Die Künstlerin gießt tote Tiere direkt in Bronze ab, verbrennt den Körper der Kreatur, um ihn in eine Bronzeplastik zu überführen. Das Kunstwerk bewahrt die Merkmale des individuellen, jetzt nicht mehr existierenden Lebewesens. Koskinen zeigt, wie sehr die Kunst nicht jener Vergänglichkeit unterworfen ist, der das Lebewesen niemals entkommen kann.

Den Gegenpol zu Koskinen markiert Reiner Maria Matysik mit seinen künstlichen Wolken und artifiziellen Organismen. Der Künstler lässt im Bremer Skulpturenmuseum im Miniaturformat genau jene Wolken schweben, die er über der Emscher im Ruhrgebiet als verblüffend echt aussehende Kunstgebilde aufsteigen ließ. Sie sehen so flockig aus, dass man hineingreifen möchte. Doch die Luftgebilde bestehen aus nichts als bloßem Kunststoff. Die Kunst zeigt, wie sehr die Natur unter dem manipulierenden Eingriff des Menschen ihre Unschuld verloren hat. Das macht Matysik überdeutlich beusst.

In eine ähnliche Richtung weist Martin Schwenk mit seinen Plastiken, die wie Knochen, Federflügel oder seltsam wuchernde Gewächse aussehen. Kunst simuliert Natur, Natur wirkt nur noch künstlich: Die Camouflage funktioniert in beide Richtungen. Das zeigen schließlich auch Thomas und Renée Rapedius mit ihren abstrakten Plastiken, die Naturformen nachahmen. So fügt sich eine lohnende Schau zum Thema verwirrender Grenzphänomene, die allerdings zu sehr auf formalästhetische Kriterien abhebt und darüber vergessen lässt, was unser Verhältnis zur Natur und ihrer Nachschöpfung heute bestimmt – die Debatte über Maßstäbe des ethisch noch Erlaubten.

Bremen, Gerhard-Marcks-Haus: Nach der Natur. Strategien der Natur in der zeitgenössischen Bildhauerei. 21. September 2014 bis 4. Januar 2015. Di., Mi., 10–18 Uhr, Do., 10–21 Uhr, Fr.–So., 10–18 Uhr. www.marcks.de