Sönke Wortmanns Verfilmung des Romans „Schoßgebete“ Neuer Film nach Buch von Charlotte Roche

Von Reinhard Westendorf

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Osnabrück. Gut ein Jahr nach der Verfilmung ihres provokanten Erstlingsromans „Feuchtgebiete“ ist jetzt Charlotte Roches zweiter Bestseller „Schoßgebete“ für die Leinwand adaptiert worden.

Star-Regisseur Sönke Wortmann präsentiert ein traumatisches Frauen- und Familienschicksal zwischen Drama und Groteske mit Lavinia Wilson als herausragender Hauptdarstellerin.

Elisabeth Kiehl (Lavinia Wilson), eine attraktive Frau Anfang 30, „hat mehr Neurosen als andere Frauen Schuhe“. Die Obsession, gleichzeitig eine perfekte Mutter, Ehefrau und Sexpartnerin zu sein, drängt die Protagonistin in eine höchst anspruchsvolle und schwer zu bewältigende Frauenrolle.

Als der Film „Feuchtgebiete“ in die Kinos kam, hat Charlotte Roche Osnabrück besucht. Warum war die Visite am Ende richtig lustig? Lesen Sie hier den Bericht.

Und hinter allem droht ein familiäres Trauma: Auf der Fahrt zu ihrer Hochzeit in London waren Elisabeths Mutter und ihre drei jüngeren Geschwister in einen schockierenden Verkehrsunfall verwickelt. Ihre Schwester und die beiden Brüder verbrannten bis zur Unkenntlichkeit, ihre Mutter überlebte schwer verletzt. Diese starke seelische Last, verbunden mit einem Schuldkomplex, ist Dauerthema in Elisabeths regelmäßigen Sitzungen mit ihrer Psychotherapeutin (Juliane Köhler).

Durch ihre frechen Off-Kommentare offenbart die Ich-Erzählerin jedoch immer wieder, dass sie keineswegs eine bemitleidenswerte und depressive Protagonistin ist, sondern eine selbstbewusste Frau mit individuellen Macken und Ticks.

Was sagt Charlotte Roche im Interview über ihre Arbeit und ihr Leben? Lesen Sie hier das Interview.

Beim Sex mit ihrem neuen Lebenspartner Georg (Jürgen Vogel) vergisst die Mutter einer jungen Tochter alle Sorgen und Probleme. Die verschiedensten Sexualpraktiken lässt sich die politisch korrekte Neo-Feministin auch nicht von Alice Schwarzer schlechtreden. Und über ihre Darmwürmer redet sie genauso freizügig wie über die gemeinsamen Bordellbesuche mit ihrem geliebten Ehemann. All das und noch viel mehr ist gleichermaßen Thema von Buch und Film.

„Schoßgebete“, der 2011 veröffentlichte zweite Roman der englisch-deutschen Moderatorin und Autorin Charlotte Roche, wurde von Oliver Berben (Drehbuch und Produzent) und Sönke Wortmann (Regie und Ko-Produzent) angemessen und kinogerecht adaptiert.

Mit ihrem Roman „Feuchtgebiete“ sorgte Charlotte Roche 2013 für einen Skandal. Wie gut ist das Buch eigentlich wirklich? Lesen Sie hier die Besprechung.

Visuell sicherlich weniger innovativ und frech gestaltet als die Verfilmung von Roches Erstlingsroman „Feuchtgebiete“, gelingt es Wortmanns gediegenerer Inszenierung dennoch – oder gerade deswegen – insbesondere den traumatischen Dreh- und Angelpunkt (der tödliche Autounfall) der „geilen Geschichten“ als überzeugendes Familiendrama zu inszenieren. Den Hauptanteil am eigentlichen Funktionieren des Films trägt aber wie schon bei „Feuchtgebiete“ die überzeugend agierende Hauptdarstellerin: Nach der jungen Schweizerin Carla Juri brilliert jetzt die Deutsch-Amerikanerin Lavinia Wilson („Allein“, „Quellen des Lebens“) als Charlotte Roches verletzliches Alter Ego. Selten wurde eine nervtötende Neurotikerin famoser und faszinierender dargestellt als in diesem ganz speziellen Frauenfall.

Schoßgebete. D 2014, R: Sönke Wortmann. D: Lavinia Wilson, Jürgen Vogel. 93 Min. Ab 16; Cinema-Arthouse, Cinestar, Filmpassage.


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