Morgenland-Festival 2014 „Wir sind ein Festival der Schurkenstaaten“

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Will Isolationen aufbrechen: Das Foto zeigt Michael Dreyer auf einer seiner vielen Reisen in den Mittleren Osten, hier in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans.Foto: Günter WallbrechtWill Isolationen aufbrechen: Das Foto zeigt Michael Dreyer auf einer seiner vielen Reisen in den Mittleren Osten, hier in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans.Foto: Günter Wallbrecht

Osnabrück. Das zehnte Morgenland Festival beginnt am Freitag in Osnabrück. Der künstlerische Leiter, Michael Dreyer, erzählt im Interview, wie sich die Idee zu der Nischenmusik-Veranstaltung entwickelt hat, was die Musik so einzigartig macht und wohin das Festival in den kommenden Jahren steuern wird.

Herr Dreyer, das Morgenland Festival Osnabrück feiert zehnjähriges Bestehen – hätten Sie gedacht, dass sich die Veranstaltung als so langlebig erweist?

Ich hatte sicherlich gehofft, dass es nicht bei einem Festival bleibt – aber dass wir einmal „Zehn Jahre Morgenland Festival“ feiern würden, nein, das hätte ich nicht gedacht.

Wie sind Sie 2005 überhaupt auf die Idee gekommen?

Da kamen mehrere Aspekte zusammen. Vor allem Neugierde. Meine damalige Freundin arbeitete sehr viel in interreligiösen Projekten. Bibel und Koran lagen bei uns immer neben dem Bett, und die Region Naher und Mittlerer Osten war ständig Thema. Da stellte sich dann relativ schnell die Frage, warum wir eigentlich gar keine Ahnung haben, was es für Musik in der Region gibt. Auch keiner meiner Musikerfreunde wusste: Gibt es eine genuine Orchestermusik aus dem Irak, Hip-Hop im Iran oder Jazz in Syrien? Das war für uns musikalisch ein weißer Fleck auf der Landkarte. Dabei ist die Region ständig im Fokus der Berichterstattung und hat auch unsere Kultur maßgeblich beeinflusst. Doch zivilgesellschaftlich und kulturell findet sie in den Medien kaum statt.

Und als Sie nachgeforscht haben, um den weißen Fleck zu erkunden – sind Sie sofort fündig geworden?

Ehrlich gesagt nicht. Ich bin Ende 2004 erstmals in den Libanon geflogen und habe mir verschiedene Ensembles angehört. So wirklich begeistert war ich aber nicht. Witzigerweise stand ich dann nach einem Konzert einmal vor dem Konservatorium und wartete auf ein Taxi, als ein Auto vor mir hielt. Der Fahrer kurbelte das Fenster runter, drückte mir eine CD in die Hand und sagte: „Hier, vielleicht interessant für Dich.“ Auf dem Rückflug habe ich mir das angehört, es war das Trio des libanesischen Oudspielers André el Hajj. Die fand ich richtig gut und habe sie eingeladen. Und die haben dann Rony Barrak mitgebracht, einen libanesischen Perkussionisten – mittlerweile einer der Künstler, der fast jährlich bei uns zu Gast ist. So ging das Ganze dann los.

Was ist mit Rock oder Hip-Hop?

Es gab eine sehr lebendige Hip-Hop-Szene im Iran – sicherlich auch aus dem Grund, weil sich Hip-Hop super im Wohnzimmer produzieren lässt. Man braucht nicht mal einen Proberaum. Ich erinnere mich an Band-Proben in Teheran, die fanden im Keller unter dem Keller statt, sodass man bloß oben nichts hören kann. Gerade im Iran ist es für die Bands fast unmöglich, öffentlich aufzutreten. Um aber in diese Szenen reinzukommen, brauchst Du Leute die Dich mitnehmen – da hatte ich viel Glück. Ich habe viele Nächte in Bars und Restaurants in Syrien, Aserbaidschan, China oder Irak verbracht, und viele Projekte sind im Grunde dort entstanden.

Warum wirkt diese Musik eigentlich oft fremd und exotisch auf uns?

In der westlichen Musik hat man sich irgendwann darauf geeinigt, die Oktave in 12 Halbtöne aufzuteilen. Alles basiert auf dieser chromatischen Tonleiter. Die östliche Musik basiert auf Maqamat, das sind sehr komplexe Skalen mit – vereinfacht gesagt – Vierteltönen. Wir leben alle mit Hörgewohnheiten, und im Westen werden wir mit den 12 Halbtönen groß. Deswegen klingt alles andere erst einmal falsch – als wären die Instrumente nicht richtig gestimmt. Diese Musik haut unsere Hörgewohnheiten erst einmal an die Wand.

Welche Schwierigkeiten bereitet das denn überhaupt im Zusammenspiel mit den Musikern aus dem Westen?

Es wird häufig versucht, diese verschiedenen Tonalitäten zusammenzubringen, indem man beides auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert. Damit verlieren aber beide Seiten das, was sie ausmacht. Am ehesten klappt es wohl im Jazz. Jazzmusiker sind viel freier und wendiger als etwa klassisch ausgebildete Musiker, und sie spielen mit sehr offenen Ohren. Und in der Alten Musik klappt es recht gut, weil diese Musiker noch verschiedene Stimmungen kennen. Generell finde ich es spannend, wenn beide Seiten versuchen, ihre Identitäten zu bewahren. Der iranische Komponist Nader Mashayekhi, mit dem wir viel gearbeitet haben, ließ ein ganzes Orchester und einen traditionellen persischen Sänger quasi parallel spielen – er hat nur die Abläufe organisiert. Da entstanden Momente, die schlicht fantastisch waren und so sicher noch nie gehört werden konnten.

Und wie nimmt das Publikum das an?

Als ich das erste Morgenland Festival organisiert habe, hatte ich schon Angst, dass einfach keiner kommt. Aber dann war es doch wahnsinnig gut besucht. Das Osnabrücker Publikum ist wirklich ausgesprochen offen und neugierig.

Viele der Musiker kommen aus krisengeschüttelten Staaten. Hat das Einfluss auf das Festival?

Natürlich. Zunächst einmal ist es schwerer, die Leute überhaupt hierhin zu bekommen. Visa beschäftigen uns ein halbes Jahr. Zum anderen ist es auch schwierig, Sponsoren aus der Wirtschaft zu finden. Manchmal heißt es dann „Wir geben Euch Geld, aber wir wollen bitte nicht auf das Plakat.“ Pakistan, Syrien, Iran, Irak – das sind alles Länder, die der damalige US-Präsident Bush auf seine alberne „Achse des Bösen“ gepackt hat. Aus dieser Sicht sind wir quasi ein Festival der Schurkenstaaten... Und da möchte man dann nicht gerne mit assoziiert werden. Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel die Polizei und die Sittenpolizei in Teheran hauptsächlich mit BMW und Mercedes unterwegs sind, sprich, Geld verdienen möchte die deutsche Wirtschaft da schon gerne, aber ansonsten eben doch lieber nicht in Erscheinung treten.

Es ist also nicht möglich, die Politik aus so einem Festival herauszuhalten?

Ganz geht das wohl nicht. Aber wir versuchen es. Ich mache keine politischen oder religiösen Statements und die Musiker in der Regel auch nicht. Aber allein die Tatsache, dass eine uigurische Rockband hier auftritt, ist ein politisches Statement, und zwar „Leute, es gibt uns!“ Vieles von dem, was wir tun, versucht Isolation aufzubrechen. Das allein kann sehr politisch sein.

Meinen Sie, dass Sie das Ziel erreicht haben, dass Sie sich vor zehn Jahren gesteckt haben?

Ich glaube, dass wir musikalisch Projekte auf den Weg gebracht haben, die wirklich spannend und neu sind. Und ich hoffe, dass wir doch viele Menschen erreicht, beglückt und neugierig gemacht haben. Die Welt ist nicht besser geworden. Aber der Illusion habe ich mich auch nie hingegeben. „Brücken bauen“ klingt immer schön, und wahrscheinlich tun wir das sogar, trotzdem bin ich mit solchen Metaphern immer sehr zurückhaltend. Wir sind ein Musikfestival, und wir machen Musik auf höchstem Niveau. Das ist immer noch mein wichtigster Anspruch. Wenn dann noch Brücken, umso schöner.

Wie wird sich das Festival weiterentwickeln?

Wir haben Gastspiele im Iran, Irak, Syrien, Jordanien, in der Türkei gemacht – in Berlin, Hannover und so weiter. Dieses Jahr sind wir in Deventer in den Niederlanden, und nächstes Jahr fünf Tage in Amsterdam, eventuell 2016 in Berlin – dann gäbe es eine kleine Ost-West-Achse Amsterdam – Osnabrück – Berlin. Osnabrück soll aber das Zentrum bleiben.

Warum?

Osnabrück ist ein fantastischer Ort für dieses Festival. Die Musiker lieben die Stadt, das Publikum liebt die Musik. Wir sind eindeutig hier zuhause.

Infos unter www.morgenland-festival.de. Für die Konzerte des Morgenland-Festivals Osnabrück gibt es nur noch wenige Restkarten. Inhaber der OS-Card erhalten zwei Euro Rabatt.


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