Kunsthalle Bremen zeigt Jason Rhoades Berserker der Installation

Jason Rhoades‘ „Untitled (from My Madinah: In pursuit of my ermitage...), 2004/2013 (Detail)“. Foto: Aaron Igler/Greenhouse Media, Courtesy Estate of Jason Rhoades; Hauser & Wirth; David Zwirner, New

            

              York/LondonJason Rhoades‘ „Untitled (from My Madinah: In pursuit of my ermitage...), 2004/2013 (Detail)“. Foto: Aaron Igler/Greenhouse Media, Courtesy Estate of Jason Rhoades; Hauser & Wirth; David Zwirner, New York/London

Bremen. Materialschlacht in der Kunsthalle Bremen: Das Haus zeigt raumfüllende Werke von Jason Rhoades, dem 2006 verstorbenen Könner der Installationskunst.

Autokarosse, Motorblock, Bildschirme, ein Gewirr aus Neonröhren, dazu Möbel, Metallröhren, Kram von Plastikeimer bis Pornoheft – und das alles verpackt in fünf Giga-Containern: Als Lieferung Tausender Puzzleteile langte die Ausstellung aus den USA in Bremen an. Bis zu 20 Helfer haben in drei Wochen errichtet, was nach den Maßgaben der Nachlassverwalter von Jason Rhoades als authentisches Werk gelten darf. „Wir haben das alles gar nicht auf einmal annehmen können und uns die Kisten einzeln anliefern lassen“, gibt Kuratorin Eva Fischer-Hausdorf eine vage Vorstellung von der Baustelle, in die das Museum vor der Vernissage verwandelt wurde. Die Materialschlacht des Aufbaus mag beendet sein. Doch nun drängt sich in die sauberen Räume des altehrwürdigen Hauses, was schmutzt und schockt – die ebenso wüsten wie präzisen Kunstträume von Jason Rhoades (1965 – 2006).

Als zarter Berserker hat er den Horizont der Kunst noch einmal ganz neu vermessen. In der nicht eben riesigen Kunsthalle Bremen öffnet sich nun seine ungebärdig wuchernde Welt, die buchstäblich vom Schöpfungsmythos bis zu jenem American Dream reicht, der als Bastelei in der Garage beginnt. In seinem „Creation Myth“ (1998) baut Rhoades aus Bänken, Lampen, Modelleisenbahn, uferlos wucherndem Kram den Künstlerorganismus als Mischung aus Denkwerkstatt und Verdauungstrakt – mit einem Massagesessel im Zentrum. Seine „Garage Renovation“ (1993) zeigt als Garage mit aufgebocktem Motorblock vor Heftchenbildern aufreizender Blondinen eine krude Kombination aus Erfinderwerkstatt und Testosteronvision. Die aus blitzblanken Aluminiumrohren geschraubte „Sutter’s Mill“ (2000) bezaubert als unschuldiger Kindertraum. Und auf der bunt flirrenden Stofflandschaft von „My Madinah“ (2004) möchte man sich einfach hinlagern und in einen Himmel aus farbig glitzernden Neonschriften blinzeln. Die Neonwörter bezeichnen allerdings tausend und ein Synonym für die Vagina. Der morgenländische Pilgerort als Höllenort monomanischer Sexfantasien?

Besucher der Kunsthalle werden an der Kasse darauf hingewiesen, dass die Werke von Rhoades Vorstellungen von Moral und Werten verletzen können. Dabei verdeckt die Warnung vor dem Sittenskandal nur, was an dieser Kunst wirklich aufregen muss – ihre uferlos schäumende Kreativität, ihre Lust an der Verwandlung banalen Materials, der Mut, den ganzen Schrott verlotterter Konsumkultur in einem gestalterischen Konzept fassen zu können. Jason Rhoades hat mit seiner unbändigen Energie wahre Schockwellen durch die Kunstwelt gejagt. Ob Thomas Hirschhorn, Wim Delvoye oder Jonathan Meese – gleich eine ganze Reihe von gegenwärtig wirbelnden Aufregern verdanken Rhoades den kreativen Zündfunken.

Acht Jahre nach seinem Tod erscheint Rhoades’ Werk nun dennoch wie ein Abgesang. Das liegt nicht nur daran, dass die uferlos ausfransende Materialassemblage mit Rhoades zu einer neuen Kunstkonvention avanciert ist. Zugleich wird heute klar, was der im kalifornischen Newcastle geborene Künstler eigentlich bebildert hat: eine Zivilisation, die mit ihrem Schutt identisch geworden ist. Rhoades’ Einverleibungsmaschinen, PS-Boliden und Neon-Botschaften zitieren eine verschwitzte Welt, die an ihrem Konsum und Ressourcenverbrauch regelrecht erstickt. Rhoades hat Zeichen gesetzt, Zeichen eines nahenden Untergangs.

Zeichen setzt nun allerdings auch Christoph Grunenberg. Der seit 2011 amtierende anglophile Direktor der Bremer Kunsthalle schubst sein Traditionshaus mit Jason Rhoades unmittelbar nach der Picasso-Schau auf zeitgenössischen Kurs. Die mit Leihgaben des Rhoades-Nachlasses, der Berliner Flick Collection sowie aus den Galerien David Zwirner und Hauser und Wirth gefügte Schau wirkt hinter antikisierender Giebelfassade wie ein Schock – allerdings wie ein Schock purer Kreativität. Jason Rhoades sei Dank.

Bremen, Kunsthalle:Jason Rhoades : Four Roads.

18. September bis 4. Januar 2015. Di. 10–21 Uhr, Mi.–So. 10–17 Uhr.