Theater Osnabrück eröffnet Spielzeit Premiere von Heiner Müllers „Leben Gundlings“

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Zu nicht gerade leichter Schauspielkost hat sich Intendant Ralf Waldschmidt für seine Spielzeiteröffnung entschieden: Im Emma-Theater brachte Pedro Martins Beja seine Inszenierung von Heiner Müllers „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“ zur Premiere.

Der schwer gedemütigte Hofhistoriker Gundling greift nach seinem Penis und befiehlt ihm strammzustehen. „Ja“, piepst der immer kläglicher, nennt das Leben eine Kinderkrankheit des Universums und dessen wahre Existenz Tod, Nichts, Leere – und ätzt schließlich gallebitter „vorwärts, Preußen!“ Diese Szene bringt Heiner Müllers fatalistische Quintessenz aus seinem „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“ in ein Bild, das zwar ein wenig verstört, aber sehr viel mehr Mitgefühl erweckt.

Genau das schafft Regisseur Pedro Martins Beja im Emma-Theater des Osnabrücker Theaters am Domhof auch, wenn er Katte mit einer Damenstrumpfhose überm Kopf lüstern lallen oder äffisch brüllen und nach Friedrich II. und dessen Schwester Wilhelmine haschen lässt. Das Leben: nichts als eine deutsche Kinderkrankheit, wenn junge, kreative Energie mit Gewalt gebrochen wird, wie in der martialischen Erziehung von Friedrich II. zum Soldatenschinder. Wenn diese Kinderkrankheit weitervererbt wird bis in die DDR und die Bundesrepublik. In denen von „blühenden Landschaften“ (sagt Friedrich der Große in der Osnabrücker Müller-Version) nur auf dem Urgrund von Unterdrückung, Gewalt und verhöhnten Freiheitsdenkern geträumt werden kann. Bis diese verbittert verstummen wie der Aufklärungsdichter Gotthold Ephraim Lessing , den der DDR-Dichter Heiner Müller stellvertretend sich nach Schweigen sehnen lässt.

„Die Geschichte reitet auf toten Gäulen ins Ziel“ lässt Müller Lessing sagen, und Beja stellt Lessings Enttäuschung zentral an den Anfang seines Theaterabends. Der wird dann ganz auf den treibend lauten Grundton von Wut und Zynismus gestimmt, nachdem das leutselige Geplänkel des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. mit seinem Berater Gundling in fiese Quälerei umgeschlagen ist.

Dem kann man glauben, wie man Müllers Behauptungen über die deutsche Misere glauben muss. Doch das Nachvollziehen des ohnehin thesenhaft verdichteten Müller-Dramas von 1975/76 macht Beja nicht eben leichter. Muss er auch nicht, könnte man einwenden, Hauptsache, er liefert Bilder und Szenen, die Müllers sprunghafter, wütend zugespitzter Collage entsprechen, die sich einbrennen und für Nachhall sorgen wie der gepeinigte Penis, die lallende Strumpfmaske oder das weit gespannte Kreuz zweier Zwangsjacken, mit denen Selbstbefriedigung unterbunden werden soll – eine preußische Erfindung.

Doch Beja entgeht nicht immer den Gefahren, die Inszenierungsmoden mit sich bringen. Wenn die drei Osnabrücker Schauspieler Marie Bauer , Patrick Berg und Stefan Haschke mit ihren starken Talenten nicht nur sämtliche Rollen spielen, sondern auch Texte parallel sprechen, brennt sich bisweilen gar nichts ein, sondern es entstehen Beliebigkeit und Desinteresse, weil nichts zu verstehen ist.

Das gilt auch für Müller-Dialoge, die zu Sprecher-Monologen umgeschrieben wurden. Wie jener zwischen dem Aufklärungsphilosophen Voltaire und Friedrich, der die fatale Wiederholungslinie seit der Demütigung Gundlings plausibel macht.

Im Gedächtnis haften bleiben packende Schauspieler, präzise Rollenwechsel, gräulich-schöne Masken und Perückentürme (Bühne/Kostüme: David Gonter ) und Marie Bauers hexenhaft verkrümmter Tanz, mit dem sie Friedrichs ins Korsett des preußischen Gehorsams geprügelte Persönlichkeit veranschaulicht. Robert Wilson , Müllers Bühnenpartner, lässt grüßen. Eindrucksvoll variiert auch Micha Kaplans Musik den Ton der Klage, während die Video-Einspielungen mehr irritieren als bereichern. Die Geschichtsanalyse von „Gundling“ bleibt da zu sehr im Nebel .

Weitere Aufführungen: 17., 21. und 23. September. Kartentel. 0541/7600076.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN