Thalia-Theater mit „Die Schutzbefohlenen“ Wichtige Denkanstöße

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Flüchtlinge erzählen von ihrem Schicksal in  „Die Schutzbefohlenen“. Foto: dpaFlüchtlinge erzählen von ihrem Schicksal in „Die Schutzbefohlenen“. Foto: dpa

Hamburg. Im Hamburger Thalia-Theater gibt Nicolas Stemann mit Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ wichtige Denkanstöße zur europäischen Flüchtlingspolitik.

Als im Januar 2013 Asylsuchende eine Kirche in Wien besetzten, um auf ihre Situation aufmerksam und für grundlegende Menschenrechte zu kämpfen, nahm Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek dies zum Anlass, mit einem Theaterstück zu intervenieren. Jelinek-Spezialist Nicolas Stemann reagierte schnell und führte „Die Schutzbefohlenen“ im September vergangenen Jahres in der Hamburger Nicolaikirche mit Schauspielern und Flüchtlingen als Urlesung auf. Jetzt feierte seine Inszenierung des Stücks nach Gastspielen auf Festivals in Mannheim und Amsterdam im Hamburger Thalia-Theater Premiere.

Jelinek, so heißt es in der Ankündigung des Abends, leihe in den „Schutzbefohlenen“ den Flüchtlingen ihre Stimme. Was sich zumindest im Verlauf der zweistündigen Inszenierung als nur bedingt zutreffend erwies.

Stemann scheint nämlich diesem Verhältnis gründlich zu misstrauen. Die Frage, ob wir als weiße Europäer uns anmaßen dürfen, für die Flüchtlinge zu sprechen, gerät ihm zu einem zentralen Thema seiner Inszenierung. Indem er Flüchtlinge als Chor auf die Bühne holt, lässt er sie selbst zu Wort kommen, mit nachdrücklich vorgetragenen Forderungen und individuell geschilderten Schicksalen. Und wo zunächst Daniel Lommatzsch, Felix Knopp und Sebastian Rudolph Jelineks Text, der seine Sache mit garstigem Witz, scharfer Polemik, Cut-up-Methoden, beinahe kalauerhaftem Humor und funkelndem Spiel verhandelt, sprechen, stellt er ihnen mit Ernest Allan Hausmann, Thalma Buabeng und Barbara Nüsse weitere Schauspieler bei. Die ringen mit ihren weißen, männlichen Kollegen um die Hoheit über den Text und um die Selbstverständlichkeit ihrer Anwesenheit. Der furiosen Suada Jelineks fügt er so zwar wichtige Denkanstöße hinzu, nimmt ihr zugleich aber auch einen nicht geringen Teil ihrer Wucht. Sodass dem ganzen Unterfangen schließlich eine gewisse Hilflosigkeit anzumerken ist, das implizite Eingeständnis einer Ohnmacht nicht nur den Verhältnissen gegenüber, die das Leid gebären, von dem „Die Schutzbefohlenen“ handelt. Sondern angesichts der Frage, wie sich die Kunst im Allgemeinen und das Theater im Besonderen dazu zu verhalten hätte. In einem Interview gab Daniel Lommatzsch zu Protokoll, das Scheitern sei an dieser Stelle legitim: „Das gehört zum Thema: Es ist ein furchtbares Scheitern auf der weltpolitischen Bühne.“ Stemann und sein Team antworten auf dieses Scheitern mit einem hochpolitischen Programmheft mit Texten von Frantz Fanon, Giorgio Agamben, Mark Terkessidis und anderen, das eher ein regelrechter Reader ist. Und weil auch das wahrscheinlich nicht ausreicht, verkündete Stemann nach der Premiere, nach jeder Vorstellung werde es fortan die Möglichkeit zur Diskussion geben.


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