Ein unerhörter Internet-Coup Apple verschenkt U2-Album

Von Tom Bullmann

Sänger Bono von der Band U2. Foto: Brantley GutierrezSänger Bono von der Band U2. Foto: Brantley Gutierrez

Osnabrück. Unerhört: Apple verschenkt das neueste Album der Band U2 „Songs Of Innocence“ im Internet. Zwar haben Kollegen wie David Bowie, die Alternative-Rocker von Radiohead oder der Elektrochaotiker Skrillex es schon vorgemacht, indem sie kostenlose Streams anboten, bevor ihre Alben regulär in die Läden kamen.

Man konnte sie aber nur hören, nicht downloaden. In Kooperation mit dem Medienkonzern Apple gehen Bono und Co. jetzt den entscheidenden Schritt weiter: Weltweit 500 Millionen iTunes-Kunden können das gesamte Album bis zum 13. Oktober downloaden – umsonst!

Was dem U2 -Fan ein Gefühl bereiten muss, als fiele Weihnachten und Geburtstag auf einen Tag, bringt andere ins Grübeln: Warum verschenkt eine Band ein ganzes Album? Nette Geste, weil die Musiker schon so reich sind, dass sie es nicht mehr nötig haben, groß Geld zu verdienen – mögen manche denken. Vielleicht haben die irischen Superstars aber auch schlichtweg Angst davor, dass ihr Stern untergehen könnte. Immerhin erreichte die Vorab-Single „Invisible“ im Februar dieses Jahres nur Platz 48 der deutschen Charts.

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Jedenfalls wurde zwischen der Plattenfirma Universal Music und Apple folgender Deal geschlossen: Für eine nicht bekannt gegebene Summe, die der US-Konzern an die Band zahlt, bekommt Apple das Recht, das Album an seine Kunden zu verschenken. Angeblich kam der Deal zustande, weil Bono ein guter Freund des verstorbenen Apple-Chefs Steve Jobs war und weil U2 vor zehn Jahren dazu beigetragen haben, den iPod trendy zu machen. Eine Hand wäscht die andere?

Diverse positive Effekte könnte das ungewöhnliche Arrangement für die Partner haben: Apple kann neue iTunes-Kunden akquirieren und ältere U2-Alben verkaufen, die gerade kostengünstig angeboten werden. Außerdem kann ein junges Publikum animiert werden, sich mit der Band zu beschäftigen, auf die sich einige aktuelle Acts beziehen, die ohne Frage von U2 beeinflusst wurden.

Aber wie hört sich das Album des Quartetts an, das seit 1978 in unveränderter Besetzung auf dem Rock-Olymp thront? Der krachende Rocker, den der zugehörige Trailer im Netz suggeriert, weil darauf die Gitarre von The Edge maliziös in die Vollen grätscht, ist es nicht. Stattdessen hört man Vertrautes: Bonos unverwechselbare Stimme wird von stadiontauglichen Chören getragen, die Beats schuckeln wie früher, Balladen werden von sägenden Gitarren konterkariert – keine Neuerungen also. Aber die erwartet ja auch keiner. Warum muss sich eine Band mit jedem Album neu erfinden, wenn das Publikum eher in Nostalgie schwelgen will?

Das macht Bono in seinen Texten: Darin geht er zurück in seine Jugend in Dublin. „Cedarwood Road“ ist so ein Song, mit dem er durch die Gassen der Stadt führt, in denen die Mädchen wohnten, die die Sinne des Sängers in Wallung brachten. Er erinnert sich an seine Mutter („Iris, Hold Me Close“) und erwähnt, dass er es Joey Ramone von den Ramones verdankt, dass er so singt, wie er singt („The Miracle Of Joey Ramone)“. Natürlich darf ein politischer Song nicht fehlen: Der wird mit „Raised By Wolves“ geliefert. Und dann traut man seinen Ohren nicht: Singen da die seligen Beach Boys zusammen mit den Iren? Tatsächlich klingt das Intro des dritten Songs fast wir „Barbara Ann“ von den amerikanischen Strandjungs. Die Ähnlichkeit ist offenbar beabsichtigt, denn „California (There Is No End To Love)“ ist Bonos Hommage an Brian Wilson und Co.

Das Album wird also U2-Skeptiker nicht missionieren. Aber die alten Fans dürften begeistert sein und sicherlich kann die Band mit dem Gratis-Angebot ein paar junge Leute begeistern. Dann wäre die Rechnung, die mit dem sensationellen Coup aufgestellt wurde, aufgegangen.