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Michael Beutler inszeniert Ausstellungshaus Osnabrücker Dominikanerkirche wird zum Kunstobjekt

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Osnabrück. Mit Objekten aus Recyclingmaterial inszenieren Installationskünstler Michael Beutler und Architekt Etienne Descloux die Kunsthalle Osnabrück. In der ersten Ausstellung der neuen Kunsthallenleiterin Julia Draganovic avanciert so der Ausstellungsort selbst zum eigentlichen Exponat.

Wochenlang haben Beutler und Descloux in der ausgeräumten Kunsthalle gewerkelt. Das Ergebnis: eine umlaufende Sitzbank für das Kirchenschiff, ein neuer Empfangstisch und eine Garderobe für das Entree, dazu ein schwimmender Kreuzgang im Innenhof und Teppiche aus Dutzendstoffen für das Forum. Der Look schillert zwischen Raffinesse und Ruppigkeit und entspricht so vollkommen der Ästhetik Beutlers, der in den letzten Jahren als gewitzter Raumausstatter den Kunstbetrieb aufmischt.

Wie will Julia Draganovic die Kunsthalle Osnabrück gestalten? Lesen Sie hier das Konzept der Direktorin.

Und wo ist hier jetzt die Kunst? Für Michael Beutlers und Etienne Descloux’ Einrichtung der Osnabrücker Kunsthalle kann die Antwort nur lauten: überall und nirgends. Ihre Objekte dürfen nicht als Exponate im herkömmlichen Sinn missverstanden werden. Indem sie die Wahrnehmung des Besuchers von sich weg auf den Raum und seine Bedingungen lenken, machen die Einbauten Wahrnehmung allerdings zum Totalereignis.

Theater der Sinnlichkeit

So liefert das Duo Beutler/Descloux, das für den Ausstellungstitel in sprechender Weise die Berufsbezeichnungen getauscht hat, keine konventionelle Ausstellung, macht aber aus der Konfrontation von Besucher, Raum und Objekt ein einziges Theater der Sinnlichkeit.

Die bis zur großen Aufräumaktion verwohnt wirkende Kunsthalle erhält zugleich den puren Charakter des alten Kirchenraums zurück. Gemeinsam mit Julia Draganovic verweisen die Künstler das Publikum auf die ungeschönten Grundbedingungen des nackten Raumes und des bloßen Tageslichts. Das wirkt, vor allem im Rückblick auf das kontemplativ strenge Selbstverständnis der Dominikaner, denen der Bau bis ins 19. Jahrhundert als Klosterkirche diente, wie ein Schritt zurück. In Wirklichkeit bereiten Beutler und Descloux die Bühne für das folgende Kunstprogramm, das auf Installation und Performance setzt. Entsprechend sollen die Einbauten weit über das nominelle Ausstellungsende hinaus am Ort verbleiben.

Wie sind eigentlich die Wandelemente der Kunsthalle aufgearbeitet worden? Lesen Sie hier den Bericht über das Recyclingprojekt.

Was Julia Draganovic als „Schritt aus der Bequemlichkeit“ programmatisch fasst, hat Michael Beutler im Kirchenschiff als schroffe Blickumkehr inszeniert. Aus den alten Paneelen der Ausstellungswände hat er modular zusammengesteckte Sitzbänke montiert, die den Kirchenraum jetzt in einer Länge von 110 Metern umlaufen. Wer hier Platz nimmt, schaut nicht mehr auf die Wand, sondern in den Raum. Beutler dreht damit die konventionelle Wahrnehmungsrichtung des Ausstellungsbesuchers um. Die eingebauten Objekte verweisen ihn von sich weg auf den Ort als dem eigentlichen Medium der Kunst. Statt sich auf Objekte zu konzentrieren, wird der Betrachter dazu angeleitet, die eigene Wahrnehmung und ihren Vollzug zu fokussieren. Beutler reduziert so nicht nur einen Raum, er entkleidet auch Kunst selbst ihrer aus Starkult, Auktionsrekorden und Insidergehabe gefügten Blendfassade.

Michael Beutler hat wochenlang in der Kunsthalle Osnabrück gearbeitet. Schauen Sie hier mit uns hinter die Kulissen seines Ausstellungsprojektes.

Dass Michael Beutler darüber selbst zu einem Star der Kunstwelt avanciert ist, passt zur doppeldeutigen Erscheinung seiner Arbeiten. Die sind raffiniert konzipiert, kokettieren zugleich aber mit der Allüre des vorgeblich halb fertigen Produkts. Beutler inszeniert arme Materialien wie Gewächshausfolie, Spanplatte oder Billigtextil so intelligent, dass sie wie Kostbarkeiten schillern. Und er baut Möbelobjekte, die auf den ersten Blick nichts weiter als praktische Kisten zu sein scheinen und dabei doch Grundformen großer Architekturgeschichte von Triumphbogen bis Zentralbau ebenso lapidar wie nachdrücklich zitieren.

Farben des Sandsteins

Folgerichtig darf die endlose Sitzreihe im Kirchenschiff als Reminiszenz an das Chorgestühl eines Sakralraumes wie als Zitat modularer Bauhausästhetik gelesen werden. Die einzeln auf der Farbwalze eingefärbten Planken korrespondieren mit ihrer Farbskala von Rostrot bis Olivgrün mit den Tönungen des Sandsteins, aus dem die Gewölbepfeiler gefügt sind. Und schließlich gewinnt das Band aus Bänken als rahmende Einfassung des Raumes auch eine eminente Funktion: Es macht das Kirchenschiff zur Arena, die einander zugewandten Sitzenden zu Mitgliedern einer im Kunstraum nachgebildeten Stadtgemeinde.

Mit dem Projekt „24/7“ wurde die Kunsthalle im Juni 2014 eine Woche lang für jedermann geöffnet. Schauen Sie hier mit uns auf eine ereignisreiche Woche zurück.

Allerdings wirken solche Potenziale nur, wenn sie auch im Prozess erschlossen werden. Beutlers Einbauten fordern ein aktivierendes Programm. Genau das kommt dem Kunstverständnis von Julia Draganovic und der mit der Vermittlungsarbeit betrauten Christel Schulte entgegen. Das Team der Kunsthalle setzt auf Aktion und Performance. Diesem Bewegungshunger hat Michael Beutler ein temporäres Denkmal gesetzt. Seine schwimmend gelagerte Rotunde im Innenhof kreiselt beim leisesten Windhauch. Die Botschaft Beutlers: Die Kunst nimmt nur wahr, wer ständig die Blickrichtung ändert. Stillstand zählt nicht.

Osnabrück, Kunsthalle: Michael Beutler, Architekt – Etienne Descloux, Künstler. Eröffnung: Freitag, 12. September, 18 Uhr. Bis 11. Januar 2015. www.osnabrueck.de/kunsthalle


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