Die Wikinger-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau zeichnet ein differenziertes Bild der Seefahrer Kriegerischer Kulturaustausch

Von Daniel Benedict

Die Wikinger in Berlin! Die Ausstellung im Gropius-Bau möchte Geschichte zum Erlebnis machen. Der Nachbau des Wikingerschiffs „Havhingsten fra Glendalough“ (Seehengst von Glendalough) auf der Spree ist Teil der Strategie – und zugleich ein attraktiver Werbeträger für die Schau. Foto: dpaDie Wikinger in Berlin! Die Ausstellung im Gropius-Bau möchte Geschichte zum Erlebnis machen. Der Nachbau des Wikingerschiffs „Havhingsten fra Glendalough“ (Seehengst von Glendalough) auf der Spree ist Teil der Strategie – und zugleich ein attraktiver Werbeträger für die Schau. Foto: dpa

Berlin. Die Wikinger sind in Berlin! Eine Wanderausstellung, die jetzt im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnet hat, zeichnet ein präzises Bild der Seefahrer.

Wie unterschiedlich die Erwartungen an eine historische Ausstellung sind, machen die Grußworte der Staatsoberhäupter deutlich. Bundespräsident Joachim Gauck sieht den Mythos der Wikinger als Hemmschuh im gegenseitigen Verständnis. Dänemarks Königin Margrethe II., die das Ausstellungsprojekt auch schon in Kopenhagen und London eröffnet hat, ermuntert dagegen alle, dem Alltag in Wikingerträume zu entfliehen.

Abenteuer oderAufklärung?

Was denn nun: Geschichte als Abenteuer oder Mythen-Kritik? Die Wikinger-Schau im Berliner Gropius-Bau ermöglicht beides. Den Einfluss der Wikinger auf das europäische Mittelalter leitet sie aus einer zentralen Kulturleistung ab: dem überlegenen Schiffsbau. Herzstück der Ausstellung ist deshalb die rekonstruierte „Roskilde 6“, ein Langschiff für 78 Ruderer. Von diesem zentralen Exponat geht es in die Nebenräume, die dem internationalen Handel der Wikinger, ihrer Kriegsführung, dem Glauben und der Machtrepräsentation gewidmet sind.

Der Ingenieurskunst hinter Schiffen wie der „Roskilde 6“ ist es zu verdanken, dass die Seefahrer aus dem Norden im Jahr 793 das Kloster Lindisfarne plündern konnten und ihren Machtbereich dann über die kommenden 300 Jahre von Grönland über Kontinentaleuropa bis ins Baltikum ausdehnten. Die Wikinger schlugen ihre Schlachten aber natürlich nicht wegen ihres finsteren Charakters oder ihrer heidnischen Gottlosigkeit – sondern, weil sie es konnten.

Logik der Macht

Hinter ihrem Erfolg steht dieselbe Machtlogik wie später hinter ihrer Christianisierung. Denn dass der Dänenkönig Harald Blauzahn sich im Jahr 960 hat taufen lassen, dürfte mehr mit christlichen Bündnispartnern und dem Reiz einer göttlich legitimierten Herrschaft zu tun gehabt haben als mit dem „Poppowunder“, das den Dänen im Streit mit Schleswigs Bischof der Legende nach überzeugt hat.

Durchstoßene Schädel, zerschlagene Handknochen und die Rekonstruktion eines Massengrabs zeugen von der Gewalt der Raubzüge. Doch auch der grausamste Krieg ist eine Form des Kulturkontakts: Diese These untermauert die Ausstellung mit vielen Exponaten, die den Weg der Skandinavier zum Christentum belegen. Das kleinste ist ein Thorshammer, ein magisch aufgeladenes Schmuckstück, das mit einem Kreuz verziert ist. Am imposantesten ist die Replik des Runensteins von Jelling, ein mehr als mannshoher Felsbrocken mit Christus-Relief, auf dem Harald Blauzahn in Runen die Bekehrung der Dänen dokumentiert – weshalb der Stein auch gern als ihre Taufurkunde apostrophiert wird.

Zuviel Bling

Die Verschmelzung der Wikingerkultur mit fremdem Brauchtum und Wissen prägt auch die Räume, in denen es um die Handelsbeziehungen und um die Schatzkammern der Herrscher geht. Zugleich wird hier der Erlebnisanspruch der Ausstellung deutlich: Leuchtende Fotowände mit Bildern wie aus dem Reisekatalog und hölzerne Bauten sorgen eher unbeholfen für Stimmung und Anschaulichkeit. Und aus dem Bereich, der Glaubensvorstellungen und Rituale der Wikinger zum Thema hat, verfolgt einen sphärische Musik, die man eher im Esoterik-Shop als in einer wissenschaftlich kuratierten Schau erwartet.

Es ist schade, dass die Ausstellung im Gropius-Bau hier nicht trennschärfer eingerichtet ist. Denn auch ohne die Sound- und Videocollagen bietet sie Hingucker und Vermittlungstricks genug: zum Beispiel eine Beamer-Tastatur, mit der man eigene Runen auf einen Stein projizieren kann. Für Kinder gibt es eine App und Kurse für das authentische Spiel der Wikinger: Hnefatafl. Und am Schiffbauerdamm hat sogar ein Wikingerschiff festgemacht. Reicht doch.

„Die Wikinger“, Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis 4. Januar 2015