Sommerkultur: Kino auf dem Lande Mehr als nur Kino in einer Bauernhof-Idylle


Osnabrück/Bad Iburg. Die Veranstaltungsreihe „Sommerflimmern – Kino auf dem Lande“ hat seit ihrer Entstehung eine steile Karriere hingelegt. Mit der am Samstag gezeigten britischen Komödie „Papadopoulos & Söhne“ wird das Bauernhof-Kino im Osnabrücker Land wohl erstmals die Marke von 2000 Besuchern knacken.

Der Kotten im Süden von Bad Iburg macht an diesem Samstagabend den Eindruck, als wäre er einer Werbebroschüre für Ferien auf dem Bauernhof entsprungen. Sogar der leichte Geruch nach Schweinestall ist mehr atmosphärische Bereicherung als Störfaktor. Auf dem gepflasterten und penibel gefegten Hof von Landwirt Gerhard Brinkmann würden mehrere Eichen Schatten spenden, so denn die Sonne scheinen würde.

Doch dicke Wolken hängen am Himmel. Ein kühler Wind lässt die mannshohen Maisstauden auf dem Feld sanft schwingen. Nicht gerade der richtige Abend für ein Open-Air-Kino . Doch unter dem Schleppdach des Maschinenschuppens drängen sich die Stühle aneinander, biegen sich Bänke unter der Last der unerwartet vielen Zuschauer. Auf mitgebrachten Gartenpolstern, eingeschlagen in Decken und Jacken, sitzen sie vor der Leinwand und warten auf den Sonnenuntergang – beziehungsweise auf den Beginn von „Zimt und Koriander“ .

Gezeigt wird der in Griechenland gedrehte Film von Regisseur Tassos Boulmetis im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Sommerflimmern – Kino auf dem Lande“. Die Familientragödie ist der elfte von insgesamt zwölf Filmen, die thematisch nach dem diesjährigen Motto „Essen, Trinken und Genießen“ seit dem 11. Juli an verschiedenen Orten im Osnabrücker Land gezeigt werden. 2011 aus dem Kunstprojekt Colossal erwachsen , erfreut sich die Reihe einer stetig wachsenden Popularität.

Einen Film inmitten einer Bauernhof-Idylle zu zeigen, das hatte ursprünglich den Zweck, das zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre laufende Kunstprojekt noch einmal zu beleben. Doch schnell entwickelte sich aus der Dreingabe von damals fünf Open-Air-Filmvorführungen ein Selbstläufer, der jetzt in sein drittes Jahr geht und allein in diesem Sommer bereits 1915 Besucher anlocken konnte, erzählt Initiatorin Gabriele Janz vom Landschaftsverband Osnabrücker Land (LVOSL) .

Während seine Frau selbst gemachtes Essen und Getränke feilbietet und seine drei Kinder mehr und mehr Stühle und Bänke herbeischaffen, referiert Landwirt Brinkmann über die lange Geschichte des Bad Iburger Hofs , vom Mittelalter über den Dreißigjährigen Krieg bis ins 21. Jahrhundert. Hinter dem 61-Jährigen liegen archäologische Fundstücke auf einem Tisch, die die Äcker im Verlauf der Jahre preisgegeben haben. Der Vortrag ist Teil des Rahmenprogramms, das jede „Sommerflimmern“-Veranstaltung begleitet.

Um den Besuchern mehr als nur zwei Stunden Kino in beschaulicher Umgebung zu bieten, müssen sich die teilnehmenden Landwirte etwas einfallen lassen. „Wir haben sie gebeten, zeigt uns, was ihr an Kultur habt“, sagt Janz. In Suttorf gab es eine Ortsbegehung, und der Landfrauenverband stellte ein Kochbuch vor. In Pente wurden die Besucher über den Hof geführt , in Ostercappeln wurde Manga-Kunst ausgestellt , und die Geschäfte dehnten ihre Öffnungszeiten aus. In Hilter a.T.W. gab es neben einer Schäfer-Vorführung Whiskyverkostungen und Dudelsackmusik. Und obendrauf eine Auszeichnung : Landrat Michael Lübbersmann, LVOSL-Vizepräsident, und Holger Tepe von der Film- und Bildungsinitiative, dem Projektpartner von „Sommerflimmern“, nahmen Trophäe und Urkunde entgegen, mit denen die Kulturinitiative als einer von hundert Preisträgern des bundesweiten Wettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ geehrt wurde. Begründung: Die Veranstalter füllen das Vakuum, das das Kinosterben auf dem Land hinterlassen hat, steigern die touristische Attraktivität der Region, schaffen Bewusstsein für den Wert ländlicher Räume und locken Städter aufs Land.

Gerade Letztere haben sich in diesem Jahr verstärkt nach Bersenbrück, Venne, Bramsche oder Belm aufgemacht, sagt Janz. Auf Brinkmanns Hof werfen sie einen Blick durch das Sichtfenster in den Ferkelstall – „süß“ – oder informieren sich im „Schweinemobil“ über die Sauenmast – „krass“. Den Gastgeber und Vorsitzenden des Landvolks Glane/Bad Iburg freut es. Er hat beim „Sommerflimmern“ auch deshalb mitgemacht, „um Landwirtschaft einfach mal aus einem anderen Blickwinkel zu zeigen“. Denn finanziell komme bei der Veranstaltung nichts rum. „Man braucht schon zwei Tage für die Vorbereitung. Aufräumen, Hof sauber machen, Essen kochen.“ Mit fünf Euro ist der Eintritt vergleichsweise billig, auch die Preise für Bier und Suppe sind an den Veranstaltungsorten alles andere als überteuert. Deshalb beteiligen sich auch die Gemeinden mit jeweils 500 Euro an der Finanzierung der von der LVOSL organisierten Veranstaltungen. Für Gemeinden und Höfe sind die Events eine Möglichkeit, sich zu präsentieren.

Doch die meisten Besucher in Bad Iburg sind nicht hier, um sich über den Ort oder die Landwirtschaft zu informieren, sondern um sich mit Nachbarn, Freunden und Bekannten zu treffen. Bei Bier, Wein, Suppe oder Quarkspeise finden die lokalen Netzwerke bei derartigen Events zusammen und nutzen die Zeit vor dem Film für den Austausch. Auch so eine Besonderheit des „Sommerflimmerns“, wie Janz festgestellt hat. „Es ist offen und locker – man kommt so einfach ins Gespräch. Im Kino sagt man ja kaum mehr zum Nachbarn als ‚Entschuldigung‘ oder ‚Darf ich mal durch?‘“


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