Kristof Magnussons „Arztroman“ Freie Zeit als emotionaler Notfall

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Durch die Großstadt zum Einsatzort: Kristof Magnusson schildert den Alltag einer Berliner Notärztin.Foto: dpaDurch die Großstadt zum Einsatzort: Kristof Magnusson schildert den Alltag einer Berliner Notärztin.Foto: dpa

Osnabrück. Kristof Magnusson hat einen „Arztroman“ mit Happy End geschrieben, ohne ins Triviale abzugleiten. Zu Ersterem gehört im gegenwärtigen deutschsprachigen Literaturbetrieb durchaus auch Mut, da es eher selten vorkommt, und zu Letzterem Talent und Fingerspitzengefühl. Einen Platz auf der diesjährigen „Longlist“ zum Deutschen Buchpreis gab es dafür nicht. Schade.

Anita Cornelius ist eine Frau Anfang vierzig. Sie ist Notärztin mit Leib und Seele, die sich kurz nach der Trennung von ihrem Mann Adrian – ebenfalls ein Arzt an einem Krankenhaus – privat wieder neu orientieren muss. Nicht nur die Pubertät ihres 14-jährigen Sohnes Lukas, der bei seinem Vater lebt, sondern auch Adrians neue Lebensgefährtin Heidi, die das klinisch reine, repräsentative „schöne Wohnen“ pflegt, stellt sie dabei vor eine ungeahnte Herausforderung. Dann stürzt sich Anita in eine Affäre – doch soll daraus mehr werden? Schließlich wird sie Ziel eines bösen Intrigenspiels. Es droht ihr privates und berufliches Glück zu zerstören. Am Ende wird jedoch alles fast wieder gut.

Keine Halbgöttin in Weiß

Reduziert man den Plot von Kristof Magnussons drittem Roman auf diese Eckdaten, wäre er glatt reif für eine Episode in trivialen Heftromanen à la „Dr. Norden“ von Patricia Vandenberg. Es wäre auch ein Plot, der in der legendären ZDF-Serie „Schwarzwaldklinik“ Platz gefunden hätte, der aber dort sicher nie so erzählt worden wäre.

Magnussons Handlung spielt nicht in der Idylle des Schwarzwalds, sondern im rauen Berlin vor dem ungeschönten Hintergrund unseres Gesundheitssystems. Zwischen spektakulären Unfalleinsätzen und dem stillen Versuch der Notärztin, einsamen, vernachlässigten alten Menschen wenigstens ein paar Stunden eine Tür im Pflegesystem zu öffnen.

Magnusson, Jahrgang 1976, erzählt einen modernen Arztroman, in dem es natürlich nach den „Regeln“ dieses Genres Liebes- und Patientengeschichten gibt, der aber fest verankert in der Realität der heutigen Arbeitswelt ist: Sein Held ist eine Frau. Eine erfolgreiche Notärztin an einem Krankenhaus in Kreuzberg. Nach all den Jahren im Nachtdienst ist sie erstaunlicherweise immer noch eine Idealistin, die nur im Job das Unberechenbare in ihrem Alltag schätzt. Dennoch stilisiert Magnusson sie, auch dank des Intrigenspiels, am Ende nicht als „Halbgöttin in Weiß“. Er bleibt auch nicht an der Oberfläche seiner Charaktere haften und seziert nicht nur den Ablauf ihrer medizinischen Handlungen. Er zeigt stattdessen darüber hinaus bitterböse überspitzt an Anita beispielhaft, welchen Einfluss eine professionelle Routine auf einen Menschen haben kann, für den der Beruf Berufung ist: Die freie Zeit wird zum emotionalen Notfall für Frau Doktor.

„Einsatz auf Einsatz“

Der Ausweg, die kurzfristige Bereitschaft, für Kollegen Dienste zu übernehmen, zum Hilferuf. „Einsatz folgte auf Einsatz“: Der Notdienst gibt Anita lange Zeit Struktur und Sicherheit in ihrem Leben, die sie nach der Trennung von Mann und Kind nicht mehr hat. Denn daheim lebt sie immer noch im Chaos wie in einem „Möbellager“. Während Heidi die Wohnung nebst Stiefsohn Lukas auch gesellschaftspolitisch mit Sprüchen wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ auf Hochglanz-Zukunft poliert, hat Anita ihren Eltern immer noch nichts von der Scheidung erzählt. Lange macht sie sich so vor, dass sie ihr Leben im Griff hat. Die holzschnittartig böse gezeichnete Heidi wirkt dabei wie eine ironische Verneigung Magnussons vor dem Herz-Schmerz-Genre. Am Ende muss die selbstbewusste Frau Doktor ein verbales Opfer bringen, um nicht selbst zum Unfallopfer ihrer „Betriebsblindheit“ zu werden.

Kristof Magnussons „Arztroman“ ist weder schwermütige noch seichte Unterhaltung. Im Gegenteil. Der Bestsellerautor der Banker-Komödie „Das war ich nicht“ besitzt ein humorvolles Gespür für das Unterhaltsam-Groteske nicht nur im Alltag, sondern an einem Roman-Genre. Und wer es versteht, mit leichter Hand auch zwischen den Zeilen seinen Charakteren Tiefgang zu verleihen, der umschifft gewitzt jede Kitsch-Klippe eines glücklichen Endes.

Kristof Magnusson: „Arztroman“. Roman. Antje Kunstmann Verlag. 320 Seiten, 19,95 Euro.


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