Todesumstände nach wie vor unklar Nussbaum war Auschwitz-Häftling B-3594

Von Thomas Limberg

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Osnabrück. Das Leben des jüdischen Malers Felix Nussbaum ist relativ gut dokumentiert. Nur über die Umstände seines Todes ist bisher wenig bekannt. Vor 70 Jahren soll der gebürtige Osnabrücker in Auschwitz ermordet worden sein. Ein jetzt entdecktes Dokument zeigt, Nussbaum wurde im Alter von 39 Jahren zum Häftling im Todeslager und lebte dort mutmaßlich länger als bisher angenommen. Doch wie sahen seine letzten Tage aus?

Von Thomas Limberg

Sicher ist nur, dass der Transport, mit dem Nussbaum und seine Frau Felka Platek von Belgien nach Auschwitz deportiert wurde, am 2. August 1944 seinen Bestimmungsort erreichte. Was dort geschah, dürfte dem geähnelt haben, was über viele andere Transporte, die in diesem Vernichtungslager ankamen, bekannt ist. Zunächst wurden die Juden einem Selektionsprozess unterzogen, der von SS-Ärzten und Aufsehern durchgeführt wurde. Diejenigen, die für arbeitsfähig befunden wurden, schickte man ins Lager, wo sie registriert, mit Entlausungspulver beworfen und auf die Baracken aufgeteilt wurden. Die anderen wurden direkt in die Gaskammern geschickt.

Danuta Czech, ehemalige Mitarbeiterin des heutigen Museums Auschwitz, fand heraus, dass insgesamt 223 Männer und 138 Frauen des Nussbaum-Transportes bei der Selektion für arbeitsfähig befunden wurden. Die übrigen 202 Menschen wurden sofort vergast.

Der Historiker William Conelly vom United States Holocaust Memorial Museum in Washington beurteilt die Zahl der selektierten Personen dieses Transportes als ungewöhnlich hoch: „Es scheint, als seien viel mehr Menschen als üblich selektiert und somit zu Gefangenen geworden. Anstatt direkt ermordet zu werden, gelangten 80 Prozent der Männer in Gefangenschaft.“ Wer aus diesem Transport direkt den qualvollen Tod starb und wer das zweifelhafte Glück hatte, zum Häftling und Zwangsarbeiter in Auschwitz zu werden, lässt sich heute nur sehr schwer rekonstruieren. Danuta Czech konnte aber Aktenfragmente auswerten, wonach all jene Männer des Mechelen-Transportes, die nicht direkt in die Gaskammer gebracht wurden, eine Häftlingsnummer zwischen B-3450 und B-3672 zugeteilt bekamen.

Häftlingsnummer B-3594

Was auf den ersten Blick für die Erforschung des Schicksals Nussbaums wenig nützlich anmutet, entpuppt sich vor dem Hintergrund eines bisher nicht bekannten Dokumentes, das im Staatsarchiv der Russischen Föderation in Moskau lagert, als Glücksfall für die Spurensuche: Eine Notiz aus Block 21 des Stammlagers Auschwitz, in dem die Chirurgische Abteilung des Lagerhospitals untergebracht war, listet Namen und Gefangenennummern sowie Diagnosen von Häftlingen auf, die dort behandelt wurden. Unter den Namen taucht auch Felix Nussbaum mit der Häftlingsnummer B-3594 auf. Eine Nummer, die genau in die Zahlenreihe der Häftlinge aus dem Mechelen-Transport passt.

Die Tatsache, dass Nussbaum eine Häftlingsnummer bekam, belegt, dass er nicht direkt nach seiner Ankunft in Auschwitz vergast wurde. Zudem ist die Krankenakte auf den 20. September 1944 datiert – Nussbaum hat also noch mindestens sieben Wochen im Lager Auschwitz gelebt. Der 2. August als Todesdatum ist damit ebenso falsch wie der häufig genannte 9. August, der aus einem sogenannten Todeserklärungsbeschluss des Amtsgerichtes Osnabrück vom 24. August 1955 resultiert. „Das Datum 9. August wird in vielen Publikationen genannt, einen Beweis, der dieses Datum als Todeszeitpunkt bestätigt, gibt es aber nicht“, sagte Mark Shraberman von der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel, die weltweit über das größte Archiv zum Holocaust verfügt.

In diesen sieben Wochen, in denen Nussbaum höchstwahrscheinlich im Lager lebte, wurde im Reich immer klarer, dass Deutschland den Krieg verlieren würde. Damit zeichnete sich auch für Auschwitz das Ende ab. Am 26. November, rund zwei Monate nach dem nun letzten bekannten Lebensnachweis Nussbaums, gab Heinrich Himmler den Befehl, die Vergasungen in Auschwitz zu stoppen, die Beweise für den Massenmord zu vernichten und die verbliebenen Häftlinge in weiter westlich gelegene Konzentrationslager zu „evakuieren“.

Nussbaum nützte der Lauf der Geschichte freilich nichts. Auch dass Brüssel, wo er noch vor wenigen Wochen im Versteck lebend auf das Ende des Krieges gehofft hatte, am 3. September befreit wurde, kam für ihn zu spät. Er befand sich zu dieser Zeit bereits im Todeslager. Doch wie er dort lebte, darüber fehlen konkrete Hinweise. Nur eine Anmerkung aus der jetzt aufgetauchten Notiz aus dem Lager-Hospital kann einen vagen Hinweis geben: Hinter seiner Häftlingsnummer und seinem Namen ist eine Diagnose aufgeführt. Aus ihr lässt sich entnehmen, dass Nussbaum offensichtlich wegen einer Blase am linken Zeigefinger im Lager-Hospital landete. Ein Indiz für die Folgen von Zwangsarbeit?

Zwangsarbeit für Nazis?

Nussbaum könnte einer der über 50000 Auschwitz-Häftlinge gewesen sein, die im Sommer 1944 für deutsche und SS-Unternehmen Zwangsarbeit leisten mussten. Ein Beweis hierfür fehlt aber bislang.

Von einem Großteil der 562 anderen Personen, die gemeinsam mit Felix Nussbaum von Mechelen nach Auschwitz deportiert wurden, ist das weitere Schicksal ebenfalls unbekannt. Mindestens 25 von ihnen überlebten die Gefangenschaft in Auschwitz und wurden am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit. Während einige andere von Auschwitz weiter ins Konzentrationslager Buchenwald geschickt wurden, ist von 19 Personen dokumentiert, dass auch für sie Auschwitz nicht die letzte Station war. Sie wurden von Auschwitz über das KZ Groß-Rosen in das Konzentrationslager Dachau geschickt.

Unweigerlich stellt sich die Frage, ob auch Nussbaum ein ähnliches Schicksal teilte. Albert Knoll, Mitarbeiter im Archiv des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau , sagte unserer Zeitung: „Felix Nussbaum wurde nicht von Auschwitz nach Dachau transportiert. Es gibt keinen Eintrag in den Zugangsbüchern. Die Zugangsbücher des KZ Dachau sind vom Jahr 1937 bis April 1945 vollständig erhalten.“ In Groß-Rosen möchte man eine mögliche Verschleppung Nussbaums nicht kategorisch ausschließen. Der Direktor des heutigen Museums, Janusz Barszcz, teilt mit: „Im Archiv besitzen wir keine Dokumente, die Felix Nussbaum betreffen.“

Ähnlich sieht es in Buchenwald aus. „Uns liegen keine Informationen vor, die darauf schließen lassen, dass Felix Nussbaum nicht in Auschwitz ermordet worden ist“, berichtet Torsten Jugl vom dortigen Archiv. „Vollständige Aufzeichnungen liegen uns zwar nicht vor. Die Überstellungen aus Auschwitz, vor allem bezüglich der großen Transporte, sind jedoch relativ lückenlos dokumentiert. Vor dem Hintergrund dieses Befundes haben wir keinen Grund für die Annahme, Nussbaum sei nach Auschwitz noch in Buchenwald gewesen“, so Jugl.

Der Schluss liegt nahe, dass Nussbaum in Auschwitz gestorben sein muss – nach dem 20. September 1944.


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