Maler war in Auschwitz inhaftiert KZ-Akte belegt: Osnabrücker Felix Nussbaum starb später

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tl Osnabrück. Der jüdische Maler Felix Nussbaum ist offenbar später gestorben als bislang angenommen. Bei Recherchen stieß die „Neue Osnabrücker Zeitung“ auf ein Dokument aus dem Konzentrationslager Auschwitz, das belegt, dass der Osnabrücker Künstler noch nach den bisher vermuteten Todesdaten, dem 2. oder 9. August 1944, gelebt hat.

Von Thomas Limberg

Es handelt sich dabei um eine Krankenakte aus Block 21 des Stammlagers Auschwitz, in dem die Chirurgische Abteilung des Lager-Hospitals untergebracht war. In der Akte sind Namen und Gefangenennummern sowie Diagnosen von Häftlingen verzeichnet, darunter findet sich auch Felix Nussbaum. Demnach wurde er am 20. September 1944 wegen einer Blase am linken Zeigefinger behandelt. Seine Häftlingsnummer B-3594 passt in die Reihe der Nummern, die laut Danuta Czech, einer ehemaligen Mitarbeiterin des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, die Männer aus Nussbaums Deportationszug erhalten hatten. Das Auschwitz-Museum ist im Besitz einer Kopie dieser Akte, das Original liegt nach den Recherchen der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ im russischen Staatsarchiv in Moskau.

Dr. Eva Berger, stellvertretende Leiterin des Felix-Nussbaum-Hauses, hält die Notiz für sehr bedeutend: „Ich finde ausgesprochen wichtig, dass man jetzt weiß, dass er doch länger gelebt hat, als bisher angenommen. Wir werden künftig im Museum sagen, dass er bis mindestens zum 20. 9. lebte“. Besonders freut sie sich darüber, dass der Fund Anreiz für weitere Forschungen sein könnte: „Man hat jetzt eine Aufgabe und kann evtl. mehr in Erfahrung bringen. Bisher wussten wir ja gar nicht, dass in Moskau Unterlagen zu Nussbaum lagern oder dass Nussbaum ins Lagerhospital kam“.

Auch Heiko Schlatermund von der Felix-Nussbaum-Gesellschaft zeigte sich im Gespräch mit unserer Zeitung überrascht: „Wir überlegen derzeit, wie wir Nussbaum in seinem 70. Todesjahr gedenken können. Wenn es jetzt neue Erkenntnisse zu seiner Geschichte gibt, ist das natürlich um so spannender und hochinteressant.“

Der 1904 in Osnabrück geborene jüdische Maler gilt als Ikone der Kunst. In seinen Werken befasste er sich mit Exil und Verfolgung, sein „Selbstbildnis mit Judenpass“ aus dem Jahr 1943 ist sein zentrales Bild. Im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus wird sein Werk präsentiert.

Nussbaum, der nach der nationalsozialistischen Machtergreifung im Exil in Italien, Frankreich und ab 1937 in Brüssel lebte, war am 20. Juni 1944 mit seiner Frau Felka Platek von der Wehrmacht zunächst ins Sammellager Mechelen, nahe Brüssel, verschleppt worden. Von dort ging es am 31. Juli 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz, wo der Transport am 2. August ankam. Dass Nussbaum in einem dieser Güterwaggons saß, belegt die Liste des 26. und zugleich letzten Judentransports von Mechelen. Insgesamt 563 Personen sind auf der Liste verzeichnet. 300 Männer, 263 Frauen. An Stelle 284 ist Nussbaum mit dem Zusatz „Kunstmaler“ genannt – direkt gefolgt von seiner Frau Felka.

Dies war bislang das letzte bekannte Dokument, auf dem der Name des Osnabrückers auftaucht. Und weil bei Ankunft in Auschwitz ein Teil der Häftlinge direkt in die Gaskammer geschickt wurde, gingen Experten davon aus, dass Nussbaum darunter war und folglich am 2. August 1944 gestorben sein musste. Ein Todeserklärungsbeschluss des Amtsgerichtes Osnabrück vom 24. August 1955 nannte hingegen den 9. August 1944 als Todeszeitpunkt.

Felix Nussbaum in Yad Vashem


Exil und Verfolgung

Felix Nussbaum hat wie kaum ein zweiter Künstler in seinen Werken die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bis hin zum Holocaust verarbeitet. Exil und Verfolgung sind die Hauptmotive seines Werks, das 1943 entstandene „Selbstbildnis mit Judenpass“ ist sein bekanntestes Bild. Die meisten gesicherten Daten über Nussbaum stammen aus seiner Akte bei der belgischen Fremdenpolizei, auf die sich auch die maßgebliche Biografie „Ortswechsel, Fluchtpunkte“ von Paul Junk und Wendelin Zimmer (2008) bezieht. Nussbaum wurde also am 11. Dezember 1904 in Osnabrück als Sohn von Philipp und Rahel Nussbaum geboren. Als Schüler besuchte er das Königliche Realgymnasium in Osnabrück und befasste sich ab 1922 in verschiedenen Studienateliers mit Malerei und Plastik. 1924 lernt er in Warschau seine spätere Frau kennen, die Malerin Felka Platek, mit der er 1929 ein eigenes Atelier in Berlin bezieht. Nach der Machtergreifung durch die Nazis 1933 ziehen die beiden 1935 nach Paris, von wo sie ein Touristenvisum für Belgien beantragen. Im Mai 1936 ziehen sie nach Ostende, im Oktober nach Brüssel. Mit Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Belgien im Mai 1940 wird Nussbaum als „feindlicher Ausländer“ verhaftet. Ihm gelingt die Flucht. In Brüssel versteckt er sich mit seiner Frau zunächst bei dem belgischen Bildhauer Dolf Ledel, dann wechseln sie ihr Versteck in der Stadt. Dennoch werden Nussbaum und seine Frau im Sommer 1944 verraten und deportiert.

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