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Philosoph Schmidt-Salomon warnt vor Internet-Religion „Google ist doch nicht Gott!“


Osnabrück. Alles ist technisch machbar, aber nicht alle Verhältnisse entsprechen den Maßstäben der Vernunft. Philosoph Michael Schmidt-Salomon kritisiert eine „halbierte Aufklärung“, die hohen Lebensstandard ermöglicht, aber Ungerechtigkeiten durchaus hinnimmt. Schmidt-Salomon warnt vor allem vor Problemen des Internets. Ist Google der neue Gott, das neue allwissende Wesen?, fragt unser Gesprächspartner.

Adorno und Horkheimer beklagten die Herrschaft einer instrumentellen Vernunft, Habermas sprach vom „unvollendeten Projekt der Moderne“: Wo sehen Sie Optionen und Gefahrender Aufklärung heute?

Ich sehe die größte Gefahr gegenwärtig im Phänomen der halbierten Aufklärung. Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder immer noch von alten Legenden geprägt. Schauen Sie nur in den Gottesstaat Iran mit seinem Atomprogramm. Da wächst zusammen, was nicht zusammengehört, nämlich höchstes technisches Know-how und naiver Kinderglaube. Global gesehen verhalten wir uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung für einen Jumbo Jet übertragen wurde. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Deshalb ist eine neue Aufklärung erforderlich. Die gleichen Grundsätze der Vernunft, die wir beim Bedienen eines Computers beachten, müssten auch im weltanschaulich-politischen Bereich gelten.

 

Sehen Sie die halbierte Aufklärung auch in China mit seinem Gegensatz zwischen wachsender Wirtschaft und fehlenden Freiheitsrechten?

Natürlich. Ich vermute, dass Ausstellungen wie die gegenwärtige zur Aufklärung wie auch die vorangegangene zum Humanismus in China Versuche sind, im weltanschaulich-politischen Bereich aufzuholen. Den dortigen Machthabern dürfte bewusst sein, dass man die Wirtschaft nicht modernisieren kann, ohne zugleich auch die Gesellschaft zu öffnen.

 

Könnte nicht auch diederzeit in Peking laufende Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ genauein Mittel der gegenwärtigenAufklärung sein?

Ich bin davon überzeugt, dass solche Gedanken mitspielen, sowohl von der deutschen Seite als auch von den chinesischen Mitorganisatoren. Es ist kein Zufall, dass China in den letzten Jahren mit Ausstellungen zu den Leitideen Humanismus und Aufklärung auf sich aufmerksam machte. Denn das weitgehend religionsfreie ostasiatische Denken kann so Anschluss an kulturelle Strömungen des Westens finden. Zudem bieten sich Humanismus und Aufklärung an, um den vielleicht markantesten Unterschied zu thematisieren, der zwischen westlichen und östlichen Denktraditionen existiert, nämlich das Verhältnis von Individuum und Kollektiv.

 

Subjekt, Vernunft, Kritik: Diese Begriffe sind zentral für die Aufklärung. Sind diese Vorstellungen auch heute wirksam?

Ja und nein. Es war die Stärke der westlichen Aufklärung, das Selbstbestimmungsrecht des Individuums so stark zu fokussieren. Alle Menschenrechte bauen darauf auf. Jeder einzelne Mensch ist in dieser Tradition der legitime Mittelpunkt eines eigenen kleinen Universums. Das ist auch gut so. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass dieses kleine, individuelle Universum hochgradig vernetzt ist mit anderen kleinen Universen. Ohne Wir lässt sich das Ich gar nicht denken. Teile der Aufklärungsbewegung überschätzten die Unabhängigkeit des Subjekts, was dazu führte, dass der Kampf um individuelle Freiheiten auch immer wieder Fluchtbewegungen vor der Freiheit zur Folge hatte. Wir haben auch die Rolle der Vernunft überschätzt, die ja nicht gottgleich über den Prozessen des Körpers schwebt. Die ostasiatischen Kulturen gingen von ganz anderen Schwerpunkten aus, die zu anderen Erfolgen, aber auch zu anderen Problemen geführt haben. Vielleicht stehen wir heute an der Schwelle zu einer neuen Synthese, die die Weisheit des Westens, die Orientierung an den Freiheitsrechten des Individuums, mit der Weisheit des Ostens, dem Streben nach Aufhebung der Ich-Fixierung, in Einklang bringt. Es ist zumindest politisch interessant zu sehen, wie die Chinesen auf den Westen zugehen und es zugleich auch im Westen Bewegungen gibt, östliche Auffassungen zu integrieren.

 

Welche Bewegungen meinen Sie, etwa den Buddhismus im Westen?

Die Bedeutung des Buddhismus als Religion wird meiner Ansicht nach überschätzt, relevant scheinen mir aber gewisse Inhalte der buddhistischen Philosophie zu sein. Es gibt interessante Parallelen zwischen den Lehren des Zen-Buddhismus und den Ergebnissen der modernen Hirnforschung. So scheint es dieses Ich, auf das wir uns alle in der Regel so ungemein viel einbilden, im Grunde gar nicht zu geben. Das Ich ist nur eine Figur in einem virtuellen Theaterstück, das von einem blumenkohlförmigen Organ in unserem Schädel inszeniert wird. Im Zuge der Debatte über Willensfreiheit und Hirnforschung sind einige Illusionen, die für die traditionelle Aufklärungsbewegung konstitutiv waren, entzaubert wurden. Viele waren darüber erschüttert, ich jedoch meine, dass wir vor einer großen Chance stehen: Westliche Selbstbestimmung und östliche Selbstüberwindung schließen sich nämlich nicht aus, sondern lassen sich hervorragend miteinander verbinden. So, wie die Ostasiaten von westlichen Denkmustern profitieren können, so können auch wir vieles von den Ostasiaten lernen. Vor allem, wie man Dinge erträgt, die man nicht verändern kann. Diese Lernerfahrung könnte hier bei uns durchaus zu entspannteren Ich-Konzepten führen, zu entspannteren Beziehungen und letztlich auch zu einer entspannteren Gesellschaft.Computer und Internet prägen unser Leben zunehmend. Befördern diese Leitmedien eine neue Aufklärung, oder führen sie in ein Zeitalter, das selbst der Aufklärung bedarf?

Der Siegeszug der digitalen Medien bietet für die Aufklärungsbewegungen Chancen und Risiken zugleich. Die Chancen sind offensichtlich: Es ist heute leichter, Zugang zu relevanten Informationen zu erhalten und kritische Sichtweisen zu verbreiten. Das ist ein großer Gewinn für die Streitkultur der Aufklärung. Projekte wie Wikipedia beweisen zudem, dass es so etwas wie Schwarmintelligenz gibt. Wir sollten jedoch nicht übersehen, dass das Internet auch eine Art Schwarmdoofheit befördert. Halbwahrheiten und falsche Behauptungen können auf digitalem Weg ebenfalls sehr schnell verbreitet werden. Die Schnelligkeit der digitalen Medien bringt leider auch eine sehr oberflächliche Diskussionskultur hervor. Manche meinen offensichtlich, man könne sich solide Bildung einfach ergoogeln. Doch um komplexere Sachverhalte zu verstehen, muss man längere Argumentationsketten nachvollziehen, die auf Webseiten nicht abgebildet werden können. Auch das müsste eine neue Aufklärung meiner Ansicht nach thematisieren. Es sollte jedem Internetnutzer klar sein: Google ist nicht Gott! Man hat manchmal das Gefühl, dass da eine neue Internet-Religion entsteht mit Google als Inbegriff eines allmächtigen, allwissenden, allgütigen Wesens.

 

Aufklärung setzt universelle Werte, vor allem die der Menschen- und Freiheitsrechte. Wie steht es heute mit der globalen Geltung dieser Werte – und wie wäre ihnen Geltung zu verschaffen?

Ludwig Marcuse sagte einmal: Es ist besser, das Gute steht auf dem Papier, als nicht einmal dort. Das gilt auch für die Menschenrechte. Es ist gut, dass der Kanon von Menschenrechten, der ja aus der Aufklärung hervorgegangen ist, schriftlich festgehalten ist. Dennoch ist es leider traurige Realität, dass diese Menschenrechte längst nicht überall respektiert werden. Staaten wie Deutschland, die für Menschenrechte eintreten, sollten das auch in ihrer Außen- und Wirtschaftspolitik demonstrieren. Hier scheinen kurzfristige ökonomische oder machtstrategische Interessen oft Vorrang vor Menschenrechtsfragen zu haben. Besonders verheerend war es, dass die westlichen Länder im UN-Menschenrechtsrat die Resolution gegen die Diffamierung der Religion passieren ließen. Seither ist es kaum noch möglich, vor dem UN-Menschenrechtsrat Menschenrechtsverletzungen im Namen der Religion, etwa die Steinigung vermeintlicher Ehebrecherinnen, zu thematisieren. Solange wir es zulassen, dass Religionsfreiheit als Freibrief für Menschenrechtsverletzungen angesehen werden kann, ist die Menschenrechtserklärung keinen Pfifferling wert.

 

Aufklärung ist ein Projekt, das niemals zu einem Ende kommen kann. Brauchen wir demzufolge eine neue Aufklärung?

Wir brauchen zweifellos einen neuen Schub der Aufklärung. Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass wir falsche Ideen sterben lassen sollten, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen. Angesichts der gestiegenen technischen Möglichkeiten ist Aufklärung so wichtig wie nie zuvor. Wir müssen endlich global zur Besinnung kommen.Wenn wir aufrecht gehenden Affen unsere ökologische Nische auf diesem Planeten erhalten wollen, dann müssen wir die Weise, wie wir unser Zusammenleben organisieren, gründlich überdenken. Es gibt glücklicherweise immer mehr Menschen, die das erkennen. Das ist ein Grund für Hoffnung. Mit dem Schlimmsten rechnen, auf das Beste hoffen: So etwa könnte man das Credo einer zeitgemäßen Aufklärung beschreiben. Wir müssen daran glauben, dass der Mensch das Potenzial hat, ein besonders freundliches und sanftes Wesen zu sein. Trotz der Schrecken der Geschichte gibt es dafür einige Anhaltspunkte und es wäre einfach anti-aufklärerisch, voreilig zu resignieren.


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