Kulturexperten vermissen den alten Charme Bildung oder Kommerz: Wo steht die Sommerkultur heute?


Osnabrück. Als Ausbruch aus der Routine wird die Sommerkultur gefeiert. Doch was bedeutet Sommerkultur heute? Wir fragten Experten.

„Umsonst und draußen“: So knapp und trocken antwortet mit Dr. Norbert Sievers ein erfahrener Programmatiker der Kulturpolitik auf diese Frage. Der Hauptgeschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. in Bonn sieht die Sommerprogramme der Kultur allerdings im Zwiespalt. Auf der einen Seite die Open-Air-Angebote der Stadtkultur von Platzkonzert bis Jonglage, auf der anderen Seite der lautstarke Betrieb der Rockfestivals: Sommerkultur hat mehr als eine Facette. „Sie ist längst festivalisiert und kommerzialisiert“, sagt Kulturexperte Sievers nüchtern.

Die Zeiten, in den mit dem „Bücherbasar“ in Bergkamen oder mit „Spiellinie an der Kiellinie“ in Kiel beim Publikum gepunktet werden sollte, liegen auch in der kulturpolitischen Zeitrechnung eine Ewigkeit zurück. 1971 startet mit der „Spiellinie“ eines jener bundesweit ersten Formate, deren Namen nach der guten alten Zeit der Neuen Kulturpolitik klingen. Als „belebende Elemente in den sonst toten Stadtkernen“ wollte der damalige Frankfurter Kulturdezernent und spätere Präsident des Goethe-Instituts Hilmar Hoffmann Kulturangebote verstehen.

In seinem 1979 publizierten Buch mit dem inzwischen sprichwörtlich gewordenen Titel „Kultur für alle“ fordert Hoffmann rigoros, „jedem Bürger die schrankenlose Teilhabe an den kulturellen Inhalten zu ermöglichen“. Ein Königsweg dahin führt über die von Kulturämtern und später vernetzt arbeitenden Kulturbüros konzipierte Sommerkultur. Daran erinnert sich auch Klaus Terbrack vom Osnabrücker Kulturveranstalter „Fokus“ . Die Menschen zu einer leicht und ohne Bedeutungsschwere dargebotenen Kultur im öffentlichen Raum mitnehmen – darin sieht Terbrack auch heute noch das Ziel.

Bei diesen Angeboten seien die „Grenzen zwischen kundenorientierter Animation, kultureller Volksbelustigung, pädagogischer Unterhaltung und ästhetischer Herausforderung durchaus fließend“, stellt hingegen schon im Jahr 2000 Autor Franz Kröger in seiner Studie „Kulturelle Sommerprogramme auf dem Prüfstand“ fest. Zu diesem Zeitpunkt ist der emanzipatorische Impetus der in den Siebzigern gestarteten Neuen Kulturpolitik schon zu guten Teilen verflogen. Denn parallel zu Stadtteilfest und Soziokultur hebt in den achtzigerJahren ein anderer Trend an, der Sommerkultur heute mindestens ebenso prägt wie die Angebote der kommunalen Anbieter – der Trend zu Event und Festival.

Das 1986 gegründete Schleswig-Holstein Musik Festival begründet ein neues Genre der Sommerkultur. In Schlössern und in Scheunen genießt ein ästhetisch anspruchsvolles Publikum klassische Musik. Vorstellungen großer Orchester und Dirigenten, dazu charmante Picknick-Atmosphäre – Sommerkultur avanciert zum perfekt durchgeformten Ereignis mit kulturtouristischer Anziehungskraft. Festivals wie das Rheingau-Musikfestival rund um Wiesbaden haben dieses Sommerformat längst etabliert. Kein Wunder, dass hier von Kulturmanagern passgenau gefertigte Kulturprodukte angeboten werden.

Hat die einst nach dem Motto „Umsonst und draußen“ gestartete Sommerkultur ihren Charme verloren, wie Norbert Sievers von der Kulturpolitischen Gesellschaft vermutet? Nicht ganz. Denn es gibt sie noch, die Sommerkultur, die Menschen erreichen möchte, die Theater und Museen fernstehen, die Sommerkultur, die öffentlichen Raum neu erfahrbar machen und kreative Energien wecken will . Die Frage ist nur, wie diese Kulturangebote auf eine Zeit der medialen Übersättigung zugeschnitten werden können. Wo bleibt die Herausforderung jenseits von Mittelaltergaukler oder Showprogramm, die Franz Kröger in seiner Studie nennt? Immerhin gibt es neue Formate einer zeitnah aufgeschlossenen Sommerkultur. Norbert Sievers nennt das Festival „Extraschicht“ im Ruhrgebiet und den Bielefelder „Carnival der Kulturen“ als gelungene Beispiele.


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