Die Magie der Fotografie Frankfurter Städel-Museum zeigt erstmals neue Fotosammlung

Von Christian Huther

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Frankfurt. Sigismund Gerothwohl war nicht der beste, aber der erste Fotograf, der in einem Kunstmuseum ausstellte. Im Jahr 1845 zeigte Gerothwohl seine Porträts im Frankfurter Städel, nur sechs Jahre nach der in Paris verkündeten Erfindung der Fotografie. Doch erst jetzt, im 175. Jahr nach der folgenreichen Erfindung von 1839, wurde man durch eine Zeitungsanzeige auf die Schau aufmerksam.

Damit spielt das Städel nun auch im Bereich der Fotografie eine wichtige Rolle – als erstes Kunstmuseum weltweit, das Fotos ausstellte. Seine neue Rolle als Fotomuseum verdankt das Städel aber auch zwei Sammlern. Der Publizist Wilfried Wiegand trennte sich von 200 Bildern aus der Frühzeit der Fotografie bis in die 1920er-Jahre, der unlängst verstorbene Galerist Rudolf Kicken gab fast 1200 Fotos aus den 1920er- bis 1960er-Jahren ab.

Damit besitzt das Städel eine exquisite Sammlung über die Geschichte der Fotografie. Ohnehin wird das Medium seit drei Jahren in der ständigen Präsentation gleichrangig neben Malerei und Skulptur gezeigt. Jetzt öffnet das Haus erstmals seinen neuen Schatz an „Lichtbildern“, so der Titel der Schau mit 160 Fotos aus der Zeit von 1845 bis 1960. Das Obergeschoss der Städel-Halle ist grau in grau gehalten, um die Fotos in neun chronologisch eingerichteten Sälen zu schonen – aber das Auge gewöhnt sich rasch daran und findet einige Preziosen.

Darunter ist auch ein Foto von Gerothwohl, das er vermutlich 1845 im Städel präsentierte. Aber das erst kürzlich aus Privatbesitz gekommene und etwas steife Herrenbildnis ist sehr verblasst und verrät nichts von seinem Hintergrund. Ohnehin wurden die Fotopioniere vor allem mit der Dokumentation von historischen Bauten in der Heimat oder in der Ferne betraut.

Damals waren Erinnerungs- und Sehnsuchtsbilder gefragt. Der nach Neapel ausgewanderte Frankfurter Giorgio (Georg) Sommer lichtete 1872 den Ausbruch des Vesuvs ab oder spielte in Pompeji mit Licht und Schatten, lebte aber hauptsächlich von den beliebten Genreszenen mit Makkaroniessern oder Läusesuchern. Natürlich finden sich beim Rundgang neben berühmten Pionieren auch etliche unbekannte oder vergessene Fotografen. August Alfred Noack etwa nahm um 1870 den Strand von Genua auf und zeichnete mit feinen Hell-dunkel-Abstufungen ein suggestives Stimmungsbild.

Diese Tendenz zum Malerischen verhalf der oft als kalt und mechanisch beschriebenen Fotografie zu mehr Popularität. So wurde Virginia Woolfs Mutter im Jahr 1867 etwas unscharf von Julia Margaret Cameron porträtiert. Das beruhte auf einem Bedienungsfehler, kam aber so gut an, dass Cameron fortan die Unschärfe zu ihrem Markenzeichen machte.

Die Schau stellt zwar keinen Anspruch auf historische Vollständigkeit, erreicht aber mit Fotos vom Bauhaus, der Neuen Sachlichkeit und dem Surrealismus eine beachtliche Dichte. Nur die amerikanischen und russischen Fotografen fehlen, was etwas wettgemacht wird durch die tschechische Avantgarde der 20er- und 30er-Jahre. Der letzte Saal widmet sich der Bewegung des subjektiven Sehens, die Otto Steinert nach 1945 ins Leben rief. Steinerts „Ein-Fuß-Gänger“ von 1950 etwa besteht aufgrund der schnellen Bewegung nur aus einem Fuß. Aber es bleibt ein Rest an Geheimnis, wie Steinert dieses furiose Bild gelang.

Lichtbilder. Fotografie im Städel-Museum von den Anfängen bis 1960. Bis 5. Oktober. Di., Mi., Sa. und So. 10– 18, Do./Fr. 10–21 Uhr. Katalog 24.90 Euro. Internet: www.staedelmuseum.de


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