Grund: Erinnerung an Loveparade-Unglück Duisburg sagt Kunstprojekt von Gregor Schneider ab


Duisburg. Es sollte ein Höhepunkt der Ruhrtriennale werden, das Projekt „totlast“ von Gregor Schneider. Jetzt hat die Stadt Duisburg das Kunstprojekt abgesagt. Der Grund: „Die Wunden der Loveparade“.

Die Kunstinstallation „totlast“ sollte mit einem System aus Tunneln und Gängen aus dem Wilhelm Lehmbruck-Museum in den umgebenden Park führen. Der 45 Jahre alte Künstler Gregor Schneider ist mit seinen labyrinthartigen Ein- und Umbauten in Museen und Häusern international bekannt geworden. Sein „Haus ur“ in Mönchengladbach ist inzwischen legendär geworden. Die Kunstbiennale Venedig zeichnete Schneider 2001 für den besten Pavillon aus. Bei seinen Arbeiten kalkuliert er bewusst Effekte der Enge und Desorientierung mit ein.

Genau das ist jetzt offenbar zu viel für die Stadt Duisburg. Oberbürgermeister Sören Link (SPD) hat das Kunstprojekt persönlich abgesagt. Der Grund: Nach der Katastrophe auf der Loveparade 2010 in Duisburg sei die Stadt „noch nicht reif für ein Kunstwerk, dem Verwirrungs- und Paniksituationen immanent sind, welches mit dem Moment der Orientierungslosigkeit spielt“, heißt es in einer Mitteilung der Stadt. Oberbürgermeister Link habe diese Entscheidung Heiner Goebbels, dem Intendanten der Ruhrtriennale, persönlich mitgeteilt und sich für die Kurzfristigkeit der Absage entschuldigt, hieß es.

Aufgrund fehlgeleiteter Besucherströme war es am 24. Juli 2010 bei der Loveparade am ehemaligen Duisburger Güterbahnhof zu einer Massenpanik gekommen . In dem Gedränge fanden 21 junge Menschen den Tod, Hunderte wurden verletzt.

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Es sei klar, dass die Frage nach dem Projekt von Gregor Schneider auch „anders bewertet“ werden könne, sagte Anja Kopka, Sprecherin der Stadt Duisburg, auf Anfrage. Der Oberbürgermeister sei nicht „oberster Kunstbeauftragter“, stehe aber für die „Einheitlichkeit der Verwaltung“ und habe deshalb so entschieden. Sie sei sicher, dass diese Entscheidung von vielen Menschen in Duisburg nachvollzogen werden könne, sagte Kopka.

Hendrik von Boxberg, Sprecher der Ruhrtriennale, bezeichnete die Entscheidung als „künstlerische Katastrophe“. Zunächst sei von der Stadt noch auf Fragen der Bauordnung verwiesen worden. Offenbar passe das Kunstwerk aber einfach nicht in die Stadt. Dabei seien gerade für ein Kunstwerk wie das von Gregor Schneider alle Sicherheitsvorkehrungen gewährleistet gewesen. Der Künstler habe keine Anspielung auf das Unglück der Loveparade vorgesehen. „Der Besucher muss etwas tun, er muss seine Wahrnehmung aktivieren“, sagte von Boxberg zu den Intentionen des Projektes „totlast“. Er wertete es als „skandalösen Vorgang“, dass bei der Entscheidung der Stadt das Lehmbruck-Museum übergangen worden sei.

„Für mich ist das eine große Enttäuschung“, sagte Dr. Söke Dinkla, Direktorin des Wilhelm Lehmbruck-Museums, im Gespräch. Das Projekt Schneiders sei für das auf das Thema Skulptur spezialisierte Haus eine sehr wichtige Arbeit gewesen. Man spüre aber die Ängste in der Stadt, sagte Dinkla. „Ich war bis vor 14 Tagen überzeugt, dass wir die Arbeit realisieren können“, sagte Dinkla weiter. Nun sei aber die „schlechte Nachricht“ der Absage gekommen. Sie hoffe weiter, mit Schneider noch ein Projekt realisieren zu können.

Die Ruhrtriennale sucht derweil im Ruhrgebiet. nach einem neuen Standort für ein Projekt Gregor Schneiders. In seinem Konzept hatte Gregor Schneider den Effekt seines Projektes „totlast“ mit seinem Weg vom Inneren des Museums in das Freie des Parks noch so beschrieben: „Wir werden uns in den Armen liegen, wieder tief Luft holen. Was für ein toller Park. Wie schön ist unser Leben“.

Schneider hatte erst in diesen Tagen die ehemalige Synagoge Stommeln in Pulheim bei Köln im Rahmen einer Reihe künstlerischer Projekte zu einem Einfamilienhaus ungebaut. Ein Werk Schneiders wird derzeit auch in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K 21 im Rahmen der Ausstellung „Unter der Erde. Von Kafka bis Kippenberger“ gezeigt. Werke von Gregor Schneider hat in den letzten Jahren mehrfach für Kontroversen gesorgt. 2005 sagte die Biennale von Venedig das Projekt „Cube“ ab. Schneider wollte einen schwarzen Kubus auf dem Markusplatz von Venedig platzieren. Die Absage wurde mit der Ähnlichkeit des Kunstwerkes mit der Kaaba, dem zentralen Heiligtum des Islam in Mekka begründet. 2008 sorgte Schneider für Kontroversen mit dem Plan, einen Sterbenden in einem Museum auszustellen. Schneider sagte seinerzeit, es ginge ihm darum, die Schönheit des Todes darzustellen. Politiker unterschiedlicher Parteien warfen Schneider den Missbrauch der Kunstfreiheit vor.


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