Roadmovie einer Generation: Rilkes „Cornet“ Millionenseller für die Weltkriegs-Tornister

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Osnabrück. Wer kennt heute noch Rainer Maria Rilkes „Cornet“? Das schmale Bändchen ist 1914 der Millionenseller der Kriegsgeneration. Eine Wiederbegegnung.

Osnabrück. „Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag“: Selten hat ein erster Satz mit seinem rhythmischen Pochen suggestiver in einen Text hineingezogen. Und selten hat eine derart mit innerer Spannung aufgeladene Formulierung wie „Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß“ den Blues einer ganzen Generation verführerischer zu lockender Sprachmusik werden lassen.

Rainer Maria Rilke landet mit „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ pünktlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs einen unerwarteten Millionenseller. Ganze 26 Textabsätze formt der Dichter zu einem Werkchen, das 1899, 1904 und 1906 in drei Textfassungen entsteht. Doch diese „kleine, aber durchaus vornehme Angelegenheit“, von der Rilke 1905 gegenüber seinem Verleger Axel Juncker spricht, komponiert in unmerklicher und eben deshalb wirkungsvoller Schnitttechnik all das zum kriegerischen Roadmovie, was junge Männer, die eben noch Knaben waren, zu jener Zeit fasziniert: das gerade erst begonnene Leben als Ausfahrt, als Kampf und Gefahr, erstes Freundschaftserlebnis – und die verunsichernde Sehnsucht nach der Frau.

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Blutjunge Soldaten stürmten mit Rilkes Text im Tornister in das feindliche MG-Feuer. So bitter muss die rasant einsetzende Wirkungsgeschichte des „Cornet“ zugespitzt werden. Das Büchlein brachte das Lebensgefühl einer ganzen Gegenration so nachhaltig auf den schmerzenden Punkt, wie das ansonsten nur Goethes „Werther“ und Grass’ „Blechtrommel“ vermocht haben. Rainer Maria Rilke greift auf die eigene Familiengeschichte zurück, auf die ferne Erinnerung an einen jungen Fahnenträger, eben einen Cornet, der 1663/64 im Krieg gegen die Türken verschollen war. Rilke formt daraus eine melancholisch grundierte Geschichte von einem jungen Soldaten, der das Leben wie im Zeitraffer durcheilt – bis zu einem herbeigesehnten, gleichwohl sinnlosen Tod.

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„Lesen Sie sie an einem Ihrer schönen Abende im weißen Kleid“, empfiehlt Rilke seine Dichtung in einem Brief vom 18. November 1900 der Worpsweder Bildhauerin und seiner späteren Frau Clara Westhoff. Mit dem Verleger Juncker feilscht er dann aber sehr selbstbewusst um die edle Ausstattung des Büchleins – und verhandelt später mit Anton Kippenberg abgeklärt die Übernahme des „Cornet“ in den Insel Verlag. 1912 erscheint der Text als legendärer erster Band der „Insel Bücherei. „Stellen Sie sich vor, 8000 Exemplare in 3 Wochen, wir drucken 20000 andere, der Himmel weiß, wie es zugeht“, schreibt Rilke am 3. August 1912 an Marie Taxis. Rilke will den „Cornet“ in einer „stürmischen Herbstnacht“ gleichsam empfangen haben. Dabei erweisen Dokumente den Dichter als durchaus klugen Vermarktungsstrategen.

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Und dennoch: Der „Cornet“ bleibt ein literarisches Mirakel – vielleicht eben deshalb, weil er einen Bezirk der Schönheit in einer längst durch und durch materialistischen Welt behauptet. In ihrem dunkel tönenden Verführungsklang nimmt Rilkes lyrische Prosa das „live fast, die young“ der James-Dean-Generation vorweg. Mit dem „Cornet“ lässt sich der Lebenssinn behaupten – noch in der furchtbarsten Materialschlacht.

Dieser Effekt hat den „Cornet“ benutzbar und angreifbar gemacht. 1928 lobt der völkische Germanist Josef Nadler das Bändchen als „Offiziersdichtung“. 1969 macht Dietmar Grieser den „Cornet“ als „parfümiertes Tornister-Bestsellerchen“ herunter. Es hilft nichts: Jenseits aller Zeitgeistmoden bleibt dieser Text ein Ereignis – bezaubernd, schön und verstörend unheimlich zugleich.

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Rainer Maria Rilke: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke. Mit Illustrationen von Karl-Georg Hirsch. Insel Verlag. 47 Seiten. 10,95 Euro


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