Er schuf in Osnabrück den „Friedensspeicher“ Aktionskünstler HA Schult wird 75 Jahre alt

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Köln. Er hat „Müllmenschen“ geschaffen und in Osnabrück den „Friedensspeicher“: HA Schult. Der Aktionskünstler wird am 24. Juni 2014 75. Für Skandale sorgt der einstige Provokateur allerdings nicht mehr.

Köln. Ist das Kunst oder kann das weg? HA Schult hat auf diese rotzfreche Frage schon vor Jahren souverän geantwortet – mit Kunst aus dem Stoff, der wegkann, aus Müll. Seine „Müllmenschen“ touren zwischen 1999 und 2004 rund um die Welt, einhundert aus Müll geformte Figuren, die wie die Tonkrieger aus der Frühzeit der Geschichte chinesischer Kaiser an vielen Orten der Welt Aufstellung nehmen – von der Kölner Domplatte bis zum ägyptischen Pyramidenfeld. Was daran Kunst war? Wenn schon nicht die einförmig gepressten Figuren, dann vielleicht am ehesten die logistische Meisterleistung.

Auf PR hat sich HA schon immer verstanden. Seine Kunst ist von Anfang an auf Lautstärke eingestellt . 1969 verfüllt der Künstler eine Münchener Straße („Situation Schackstraße“) mit fünf Tonnen Altpapier. Der an der Düsseldorfer Akademie ausgebildete Kunstrevoluzzer kippt den Wohlstandsbürgern den ganzen Müll einfach vor die Haustür. In den Jahren, die von den pessimistischen Prognosen des Club of Rome, der Ölkrise und aufkommendem Umweltbewusstsein geprägt sind, findet HA Schult immer neue Bilder für eine Welt, die an Konsum, Verkehr und Müll erstickt.

1976 verfüllen HA Schult und sein Team den Markusplatz in Venedig mit 15 Tonnen Altpapier, 1977 lässt der Künstler über New Yorker Müllfeldern ein Flugzeug abstürzen, 1978 startete er von Dortmund aus das Mammut-Happening „Ruhr-Tour“. HA Schult lässt seine Kunst dröhnen, verschafft ihr thematische Relevanz und nachrichtliche Dringlichkeit. Der umtriebige Mann mit dem ewigen Grinse-Lächeln und der zum Markenzeichen versteinerten Chaosfrisur wird prompt belohnt: 1972 und 1977 lädt die Kasseler Documenta HA Schult zur Weltkunstschau.

Das Problem: HA Schult erfindet keine neue Kunst, er übersetzt ihr Grundprinzip nur in immer neue Kontexte und Größendimensionen. So kann HA Schult nicht auf jenen Wandel der Zeitkonjunktur reagieren, der sein Anliegen nach und nach überflüssig macht. Ob Verkehrsinfarkt, Umweltverschmutzung oder Müllprobleme – all das ist längst in das allgemeine Bewusstsein gedrungen. Für HA Schult hat das unliebsame Konsequenzen: Der einstige Protestler bestätigt heute nur noch den gesellschaftlichen Konsens – mit Kunst, die passgenau für Großsponsoren und mediale Resonanz gefertigt wird.

Die „Müllmenschen“, die HA Schult über den Globus touren ließ, sind da nur ein, wenn auch spektakuläres, Beispiel. Schult lässt ab 2001 die „Love Letters“ zirkulieren, verwandelt einen leer stehenden Hotelbau an der A59 bei Troisdorf mit Fotos prominenter Zeitgenossen in sein „Hotel Europa“. Keine Projektionsfläche ist ihm zu ausladend, kein Transporttransfer zu gigantisch, um zum Bildträger seiner Projekte zu werden. Der Unterschied zu Aktionskünstlern vom Schlage eines Christo ist gleichwohl greifbar. Während Christo Menschen wirklich bewegt und die Welt mit immer neuen poetischen Bildern beschenkt, betreibt HA Schult tristes Größenwachstum. Der „Friedensspeicher“, den der Künstler 1998 im Osnabrücker Hafengebiet einrichtet , nimmt sich da wie eine friedliche Ausnahme von der erzwungenen Turbulenz aus.

HA Schult transformiert die Kunst hingegen zum Betrieb. Die Zirkulation, die HA zum Prinzip erhebt, verrutscht längst zum Spiegelbild einer Kunstwelt, die dabei ist, sich im affirmativen Spektakel totzulaufen. HA Schult rotiert – und das dauernd. Ist das Kunst oder kann das weg? Auf diese Frage gibt es im Hinblick auf HA Schult jetzt leider nur noch eine Antwort: Das kann weg.


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