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Brillante Oper von Walter Braunfels Theater Osnabrück bietet mit „Die Vögel“ großes Musiktheater


Osnabrück. Das Beste kommt zum Schluss: Mit der Oper „Die Vögel“ von Walter Braunfels kommt zum Saisonende eine der herausragendsten Musiktheaterproduktion überhaupt auf die Bühne des Theaters Osnabrück.

Der Zorn der Götter ist verheerend. Rauchende Doppeldecker fallen vom Himmel, Luftschiffe verpuffen in leuchtenden Feuerbällen, am Boden waten Soldaten durch den Morast. Und im Orchestergraben pfeift und tobt eine Sturmmusik, die nicht nur ein plakatives akustisches Inferno entfacht, sondern sich tief ins Empfinden gräbt –so wie es nur ein Meisterkomponist zustande bringen kann. Und Walter Braunfels ist einer.

Die Sturmszene markiert den Höhepunkt seiner Oper „Die Vögel“, die das Theater Osnabrück wieder zum Leben erweckt hat, fast hundert Jahre nach der Uraufführung in München. Das Stück teilt, zusammen mit dem Komponisten , das Schicksal so vieler Künstler und Kunstwerke aus der Zeit zwischen den Weltkriegen: Damals ungeheuer erfolgreich, trieben die Nazis „Die Vögel“ von der Bühne und Braunfels in die innere Emigration. Erst allmählich entdecken Intendanten und Musiker den 1882 in Frankfurt geborenen Komponisten wieder.

Regisseurin Yona Kim hat die szenische Umsetzung übernommen, Andreas Hotz bringt die Musik in all ihrem Reichtum, ihrer schillernden Farbigkeit, ihrer Deutungstiefe zum Funkeln. Dazu hat er eine hervorragende Sängerriege, das klangprächtige Osnabrücker Symphonieorchester und den Opernchor, einstudiert von Markus Lafleur. Eine Kombination, mit der das Haus in die erste Opernliga vorstößt.

Dabei hat das Stück seine Tücken: Was nämlich in der Katastrophe endet, beginnt als heitere Operette. Hoffegut und Ratefreund, zwei enttäuschte Großstädter, machen sich wie Sommerfrischler auf in die Natur, suchen dort ein besseres Leben und scheinen es bei den Vögeln zu finden. So ist das auch bei der literarischen Vorlage von Aristophanes, die Braunfels zum Libretto verdichtet hat. Doch Kim misstraut dieser Naturidylle von Anfang an: Den Prolog singt eine Nachtigall, deren komponierte Verträumtheit Kim als handfeste Depression interpretiert. Hier tun sich Abgründe auf, in die Kim tief hineinblickt und die Marie-Christine Haase fulminant darstellt – als müdes Vögelein mit hängendem Kopf, mit brillanten Koloraturen, funkelnden Höhen, emotionaler Tiefe in der Stimme. Eine Glanzleistung.

Sie und ihre Mitvögel zwitschern nicht im Wald, sondern pflegen im schwülen Jugendstil-Salon mit Goldglanz, Palme und, natürlich, Voliere, eine morbide Langeweile. Das spiegelt auch die Musik: Dank Hotz zwitschert und funkelt es herrlich, erhalten die gegensätzlichen Momente Tiefe: der geradezu sakrale Ton des Vogelchefs Wiedehopf etwa. Dazu passt der weich strömende Bariton von Daniel Moon.

Diese Lethargie ist der Nährboden, auf dem sich Patriotismus zur Kriegstreiberei auswächst: Ratefreund stachelt, ausgestattet mit dem eleganten Bariton und dem rasanten Buffo-Geplapper von Heikki Kilpeläinen, die Vögel an, eine Stadt zu bauen und sich von der Herrschaft der Götter zu befreien. Das passiert vor dem Hintergrund der Entstehungszeit der Oper: Braunfels begann 1913 mit der Komposition, wurde zum Kriegsdienst eingezogen und setzte nach Verwundung und Heimkehr die Arbeit fort. Klar, dass Kriegserlebnisse einfließen.

Ein fast zwanzigminütiges Duett von Nachtigall und Wonnegut wird dabei zur Schnittstelle: In traumverlorene Selbstgespräche fließen deutsche Romantik und deutscher Wald. Haase lässt hier wiederum tief in die Nachtigallen-Seele hören, und Alexander Spemann wandelt sich vom Spiel- zum Heldentenor – bewahrt dabei aber genug Kräfte für seinen Schlussmonolog auf. Die beiden vereinen sich zu einem, nun ja, Nicht-Liebesduett, und am Ende verwirbelt der Dialog zu einer bizarren Kriegsvision. Die Vögel streifen Uniform und Pickelhaube über ihre fantastischen Vogelkostüme (Hugo Holger Schneider), der golden-verspielte Jugendstil weicht unterkühlter Großstadtgeometrie (Bühne: Evi Wiedemann und Margrit Flagner).

Kriegstreiberei findet ihre musikalische Umsetzung in schlichter Harmonik, einfachen Melodien, hohlem Pathos. Dem setzt Braunfels die Figur des Prometheus entgegen: In einem an Wagners Wotan gemahnenden Monolog überbringt der die göttliche Warnung vor den Folgen der Vogel-Hybris, mit erschütternder Intensität von Johannes Schwärsky gesungen und dargestellt. Trotzdem bleibt er unerhört: Zu keiner Reflexion mehr fähig, taumeln die Vögel in die Katastrophe. Das Theater Osnabrück aber hat sich um eine großartige Oper verdient gemacht.


Weitere Aufführungen: 24. und 26. Juni, 4., 6. und 11. Juli. Kartentel.: 0541/7600076

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