„Horizont Jawlensky“ in Emden Alexej von Jawlenskys Weg zum großen Maler

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Emden. „Horizont Jawlensky“: Unter diesem Titel zeigt die Kunsthalle Emden, wie aus Alexej Jawlensky ein großer Maler wurde

Dieser Mann trägt seine Kunst im Gesicht – als glühende Haut aus erhitzten Farben. Aus Flecken in Blau und Gelb, Grün und Rot komponiert Alexej von Jawlensky 1912 sein Selbstbildnis als Manifest einer Kunst, die es mit ihrem neuen Selbstbewusstsein fast kämpferisch ernst meint. Der Maler macht aus Komplementärkontrasten der Farben Fanfarenstöße der Avantgarde. Kurator Frank Schmidt zeigt dieses Selbstbildnis im letzten Raum der Ausstellung „Horizont Jawlensky“ und hängt mit „Abstrakter Kopf: Homer“ von 1933 eines der berühmten Kopfbildnisse aus Jawlenskys Spätphase in der Sichtachse direkt gegenüber. Das Signal ist klar: Hier hat sich ein Weg vollendet, der Weg Jawlenskys wie derjenige der Moderne.

So weit, so bekannt? Auf den ersten Blick wiederholt die Emder Ausstellung jene Erzählung der künstlerischen Avantgarde, die das Grundgerüst vieler Publikumsausstellungen der klassischen Moderne geliefert hat: die Erzählung von künstlerischer Innovation als linearem Prozess, der zielgenau in der Abstraktion als Triumph der Neuerer über die akademischen Konventionen des 19. Jahrhunderts endet. Zum Glück erzählt die Emder Schau – sie ist die zweite, veränderte Station nach Wiesbaden – die Moderne nicht nur als Weg, sondern vor allem als Geflecht. Die Inszenierung flankiert Jawlenskys Weg durch das Frühwerk zwischen 1896 und 1914 mit Bildern jener Künstler, die den jungen Maler geprägt haben. Jawlenskys Horizont reicht dabei erfreulich weit, von dem russischen Realisten Ilja Repin bis hin zu Henri Matisse, der Malerei als Raumkomposition aus Farben im 20. Jahrhundert geradezu neu erfunden hat.

Für den Besucher entsteht so ein Bilderparcours als Blütenstrauß, in dem vor allem Landschaften von Alfred Sisley und Vincent van Gogh, Porträts von Edvard Munch und Lovis Corinth für Farbe und Flair sorgen. Die Kontraste dieser und weiterer Bilder weisen immer wieder auf Jawlensky zurück. So wird deutlich, dass der junge Mann aus Russland seit seiner Lehrzeit in München Einflüsse und Vorbilder in schnellem Tempo aufgenommen und verarbeitet hat. Jawlensky malt in immer neuen Stilen, mal flockig und leicht wie die Impressionisten, dann wieder mit stürmisch bewegter Farbtextur wie van Gogh oder im analytisch abgeklärten Stil eines Henri Matisse. Jawlensky – ein Gezeitenkraftwerk der Avantgarde?

Ja, und zwar im Sinn eines Musterfalls. Denn der Künstler verhält sich typisch für eine Generation, die weiß, dass die Revolution der Kunst nur gewinnt, wer ständig vorwärtsstürmt. Zurückschauen, gestrig oder uninformiert scheinen? Das sind Todsünden für Künstler, die mit der Konvention gebrochen haben. Auch für Jawlensky gibt es kein Zurück mehr. Also baut er an jenem Netzwerk der gegenseitigen Legitimationen und Anregungen mit, dass der Avantgarde ihre ständig wechselnde Gestalt verleiht.

In der Kunsthalle wird aus den Kämpfen des Gestern ein Kunstgenuss für das Heute. Dafür sorgen das schöne, impressionistisch entspannte Selbstporträt Jawlenskys von 1912 oder jene vier Frauenbildnisse aus der Zeit von 1894 bis 1917, mit denen Kurator Schmidt den Entwicklungsprozess des Künstlers im Zeitraffer inszeniert hat.

Dabei birgt auch eine so schöne Ausstellung einen schmerzlichen Aspekt, gerade für die Kunsthalle Emden. Die musste erst 2013 zwei ihrer bis dahin sieben Jawlenskys als Fälschungen aussortieren , darunter auch „Manola mit violettem Schleier“, ein Publikumsliebling der Sammlung. Die Verantwortlichen nutzten das Ausstellungsprojekt, um zwei ihrer eigenen, als problematisch vermuteten Jawlensky-Gemälde untersuchen zu lassen. Die Konsequenz: Die beiden Werke verbleiben im Depot. Die aktuelle Schau findet ohne „Manola“ statt. Die Fälschungsfrage soll zu einem späteren Zeitpunkt thematisiert werden.

Einstweilen geht es um Kunstgenuss pur. Dazu tragen kulturtouristische Angebote ebenso bei wie Franz Marcs „Die blauen Fohlen“ , die Mona Lisa des Hauses im Norden, die im letzten Ausstellungsraum gezeigt wird. Es gibt sogar Ostfriesentee in Tüten mit Jawlensky-Porträt. Avantgarde an den Museumswänden, mutiges Marketing im Ausstellungskonzept: Die Kunsthalle Emden bleibt auch mit Jawlensky der eigenen Linie treu.

Emden, Kunsthalle: Horizont Jawlensky. Auf den Spuren von van Gogh, Matisse, Gauguin. Eröffnung: Samstag, 21. Juni 2014, 16 Uhr. Bis 19. Oktober 2014. Di.–Fr. 10–17 Uhr, Sa., So. 11–17 Uhr. www.kunsthalle-emden.de


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