Mawils DDR-Buch „Kinderland“ Keine Angst vor Comics, bitte!


Berlin. Mit „Kinderland“ hat Mawil ein wunderbares Comic über die letzten Tage der DDR geschrieben. Im Interview spricht er über die Ostblock-Vorläufer des Gameboys, gefälschte Alf-Sticker aus Ungarn und die Jugendsprache vor dem Mauerfall – das fetzt urst ein!

An diesem Wochenende treffen sich Fans und Künstler beim Comic-Salon in Erlangen. Mit dabei ist Mawil , der mit „Kinderland“ gerade ein erstklassiges Coming-of-Age-Buch über die letzten Tage der DDR gezeichnet hat. Wir treffen ihn in seinem Atelier am Prenzlauer Berg, wo Mawil für das Festival gerade große Pappfiguren seiner Helden malt. Im Interview spricht er über die Ostblock-Vorläufer des Gameboys, gefälschte Alf-Sticker aus Ungarn und die Jugendsprache vor dem Mauerfall – das fetzt urst ein!

Ihr Comic heißt „Kinderland“. Woher kommt der Titel?

Das kennt man als Ostdeutscher von Gerhard Schönes „Lieder aus dem Kinderland“, die Platte hatte jedes Kind. Und wie bei meiner Hauptfigur Mirco Watzke war die DDR das Land meiner Kindheit. Als ich in die Pubertät kam und es mir zu eng geworden wäre, fiel die Mauer.

Haben Sie die Platte noch?

Auf jeden Fall. Es ist immer noch eine der zehn Platten, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde.

Sehnsucht nach der Kindheit ist vielen vertraut. Wird das Gefühl ambivalenter, wenn das Kinderland eine Diktatur war?

Ich wollte kein Buch über die Diktatur machen, aber natürlich auch nichts verklären. Mein eigener Blick auf die Zeit hat dabei eher geholfen: Als Kind war ich naiv und habe vieles nicht mitgekriegt. So wie mein Held, der ein ganz normales Kindheitsabenteuer erlebt. Aber natürlich drängt sich die Erwachsenenwelt da immer wieder rein, sodass sie automatisch thematisiert wird.

Das Buch ist auch sprachlich schön – mit Kraftausdrücken wie „Das fetzt urst ein“. Gab es eine DDR-Jugendsprache?

Wahrscheinlich gab es allgemeine 80er-Jahre-Ausdrücke, aber auch regionalen Slang, den man nur in Berlin oder nur in Mecklenburg gesprochen hat. Wahnsinnig schwer zu rekonstruieren! Mode, Autos, Plakate waren leicht zu recherchieren. Aber wie findet man raus, ab wann „geil“ gesagt wurde? Ich schreibe das einmal, und ein erster Leser hat das schon als unhistorisch kritisiert. Vielleicht zu Recht.

Ihr Held Mirco hat einen Alf-Sticker. Waren Außerirdische keine Systemfeinde?

Ich hatte auch einen, sogar offiziell beim Schulfest gewonnen. Aber das war sicher kein echter, sondern eine minderwertig gedruckte, ungarische Raubkopie. Wir haben die Westmoden mitgemacht, aber in der Regel waren wir zehn Jahre später dran. Die Verwandten im Westen mussten ihre Kleider erst aufgetragen haben, bevor sie sie uns rüberschicken konnten.

Ein Gegenspieler Ihrer Hauptfiguren hat das Logo der Band Prinzip auf die Jacke genäht. Die anderen Klassenkameraden stehen auf Depeche Mode.

Prinzip kannte ich selbst nicht; ich habe sie eingebaut, weil ich diesen Metal-Schriftzug brauchte. Es gibt die Band, und sie ist gar nicht mal so schlecht. Meine Figur hätte wahrscheinlich lieber einen AC/DC-Aufnäher gehabt, aber das ging ja nicht. Und Depeche Mode war einfach die populärste Band. Eigentlich wollte ich im Comic überall, wo ein Radio steht, Depeche-Mode-Verse ins Bild schreiben. Das geht aber wegen der Rechte nicht; Reinhard Kleist musste bei seinem Johnny-Cash-Album ein ganzes Kapitel umschreiben, weil der Songtext zu teuer war, den er bebildern wollte.

Ihr Comic handelt nicht nur von der DDR, sondern auch vom Tischtennis. Im Zentrum steht ein Schulhof-Match der Kleinen gegen die Großen, das 35 Seiten umfasst und von der Zeitlupe bis zur Makro-Optik wie ein Sportfilm inszeniert ist.

Ich möchte meine Comics sowieso gerne filmisch machen, und ich hatte auch wirklich Sebastian Schippers Coming-of-Age-Film „Absolute Giganten“ als Vorbild. Da spielen die Helden am Kicker gegen die absoluten Cracks, gehen voll darin auf, und die Kamera überhöht das mit Schwenks auf Augenhöhe der Kicker-Figuren. Es gibt bei solchen Spielen diese genialen Angriffe oder Ballwechsel, bei denen man sich so unglaublich geil fühlt; diese Geilness wollte ich so rüberbringen, dass sich in den nächsten 20 Jahren keiner mehr an eine Tischtennisszene rantraut.

Natürlich kommen auch Comics in Ihrem Buch vor, die ostdeutschen „Mosaik“-Hefte und das Sparkassen-Werbe-Vehikel „Knax“, beides eher Nachahmer-Produkte, oder?

Da muss ich „Mosaik“ in Schutz nehmen. Das waren extrem gut gemachte Zeitreisen-Geschichten, auch wenn sie als Gegenpol zu den bösen Schundheften aus dem Westen herhalten mussten. Manchmal durften sie keine Sprechblasen zeigen, weil das gerade als zu westlich galt. Aber sie waren total spannend, stimmungsvoll und handwerklich super gemacht. Ich war und bin großer Fan, auch wenn wir natürlich lieber die Westhefte haben wollten. „Knax“ wirkte auf mich auch, als wäre es vom gallischen Dorf abgeguckt, aber nach der Wende fand ich es trotzdem großartig, dass man in Banken umsonst Comics bekam.

Was hat Sie dann später beeinflusst?

Als ich nach der Wende die Auswahl hatte, habe ich „Spirou & Fantasio“ und „Gaston“ von Franquin entdeckt. Das war mein erstes Vorbild; ich hab versucht, seine schwungvollen Pinselstriche nachzumachen. Dann kam erst mal lange nichts, dann Lewis Trondheim – den ich mochte, weil er den geairbrushten Muskelhelden der 90er-Jahre-Comics ganz schlichte Alltagsgeschichten entgegengesetzt hat. Und die Serien von Christophe Blain.

Sie selbst haben sich gegen Serienformate entschieden
und machen das, was heute
als „Graphic Novel“ vermarktet wird. Mögen Sie den
Begriff?

Es ist schade, dass manche Leute offensichtlich Angst vor dem Wort Comic haben. Das habe ich auf Messen schon erlebt; da kommen Leute zu mir und sagen: Meine Graphic Novels finden sie gut, aber Comics lesen sie nicht. Diese Unterscheidung stimmt nicht, genauso wie die zu den Mangas. Das sind alles Comics, aber solange es Leute gibt, die sich an Comics nicht rantrauen, sollen sie gern von Graphic Novels sprechen. Ich mache trotzdem Comics.

Im Kino boomen die Marvel-Comics; gucken Sie das?

Ich wäre da eher für Mawil-Verfilmungen statt für Marvel. Mit Superhelden kann ich nichts anfangen.

Ihre bisherigen Comics waren autobiografisch. Das aktuelle ist es nur noch so halb: Der Held Mirco Watzke heißt anders als Sie, aber immer noch ähnlich. Ihr richtiger Name ist ja Markus Witzel.

Ich brauche eine Identifikationsfigur, die ähnlich tickt wie ich. Und viele Ängste, Wünsche und Anekdoten von Mirco sind auch meine gewesen. Aber ich habe weniger erlebt als er; deshalb musste ich für ihn was hinzuerfinden. Und ihm mit seinem Freund Torsten einen reiferen Charakter an die Seite stellen.

In der Schulklasse des Comics gibt es einen Fall von Republikflucht – ist das selbst erlebt?

Ja, einer von unseren Kumpels war plötzlich weg. Alle außer mir wussten, was passiert war. Aber in der Schule wurde nicht darüber gesprochen. Ich war damals wirklich noch sehr naiv und bin froh, dass mir mein bester Freund, der damals schon weiter war, die Dinge erklärt hat. Meine Eltern haben mit uns nicht viel darüber geredet. Weil sie Angst hatten, dass wir uns in der Schule verplappern.

Was West-Leser Ihres Buchs verblüffen dürfte: Offenbar gab es einen russischen Vorläufer des Gameboys – stimmt das?

Stimmt, ein Telespiel. Ob es aus Russland kam oder aus Ungarn, weiß ich auch nicht. Die Spielfiguren stammten aus russischen Trickfilmen, die im ganzen Ostblock populär waren: Wolf und Hase. Es gab wahrscheinlich ein paar Varianten von dem Spiel, und natürlich fanden wir sie alle geil. Ein Autorennen aus dem Westen wäre allerdings noch geiler gewesen. In dem Spiel, an das ich mich erinnere, musste der Wolf herumfliegende Hühnereier fangen. Sehr merkwürdig. In der Logik der Trickfilme wäre das die Aufgabe des Hasen gewesen, der im Spiel allerdings nie auftaucht.

In dem Buch stecken sieben Jahre Arbeit – wieso dauert das so lang?

Weil ich bei so einem langen Buch Angst vor dem Spannungsbogen hatte. Ich bin kleine, pointierte Geschichten gewohnt. Also habe ich Dramaturgie-Kurse besucht, mich mit einer Drehbuchautorin beraten. Das Schlimmste waren all die Entscheidungen: Kriegt Mirco die Tischtennis-Kelle von dieser oder von der anderen Mitschülerin? Und geht die Geschichte dann 50 Seiten später überhaupt noch auf? Es gibt Zeichner, die 300-Seiten-Comics schreiben und am Ende die ersten 50 Seiten noch mal neu machen müssen – allein weil der Zeichenstil sich über der ganzen Strecke geändert hat. Ich bin wahnsinnig faul und habe es geschafft, durch meine Zögerlichkeit am Ende höchstens drei Seiten austauschen zu müssen. Drehbuch-Profis raten einem außerdem, Lieblingsstellen zu streichen: „Kill your Darlings.“ Ich habe das nicht geschafft; deshalb ist das Buch auch so lang.

300 Seiten Comic sind für Leser doch gut zu bewältigen.

Aber am Ende hatte ich Angst, dass es in der Herstellung zu teuer wird. Ich mache lieber billige Bücher und verkaufe davon dann viele. Mir ist ein zerlesenes Taschenbuch auf dem WG-Klo lieber als eine Luxusausgabe, die beim Sammler eingeschweißt im Regal steht. Mein Buch kostet jetzt 30 Euro; ich hätte gern die Hälfte verlangt, aber ein farbiges Comic kann man nicht für weniger produzieren. Natürlich entscheidet der Preis über die Leser. Geeignet finde ich „Kinderland“ auch schon für Schüler, aber die können sich das wahrscheinlich kaum leisten.

Dabei wäre es eine sehr schöne Schullektüre! Von „Kinderland“ gibt es eine gebundene Edelausgabe. Ist das nicht der Gipfel des Bürgerlichen?

Eigentlich mag ich diese hochpreisigen Spezialausgaben für Sammler nicht. Aber dann hatte der Verlag die Idee, das Buch im Stil der offiziellen Marx-Lenin-Ausgaben aufzulegen, die in der DDR in allen öffentlichen Gebäuden rumstanden, roter Leineneinband mit kyrillischer Schrift. Ich konnte nicht widerstehen.

Ein einziges Comic kann nicht sieben Jahre Arbeit finanzieren. Wo kommt Ihr Geld her?

„Kinderland“ läuft sehr gut, aber es stimmt: Die Bücher machen mir die meiste Arbeit, tragen zu meinem Einkommen aber am wenigsten bei – zumindest direkt. Indirekt lohnen sie sich trotzdem, weil sie Leute auf mich aufmerksam machen. Und dadurch kann ich dann Workshops geben, mit dem Goethe-Institut um die halbe Welt reisen und eine regelmäßige Seite im „Tagesspiegel“ veröffentlichen. Bücher sind meine Visitenkarte. Ich habe auch ein Diplom. Das wollte noch nie jemand sehen.

Trotz der knappen Kalkulation leisten Sie sich ein Gemeinschaftsatelier. Was ist sein Wert?

Man kann hier nur zeichnen. Ich kann nicht zwischendurch die Wäsche aufhängen, auch wenn’s nötig wäre. Es gibt nicht mal Internet.

Hier geht‘s zur Leseprobe von „Kinderland“.

Biografie

Mawil wird 1976 als Markus Witzel geboren und wächst in Ost-Berlin auf. Den Mauerfall, von dem sein aktuelles Buch handelt, erlebt er als 13-Jähriger. Erste Comics veröffentlicht Mawil schon als Schüler in Fanzines. Nach dem Abi studiert er Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee; seine Abschluss-Arbeit ist das Comic „Wir können ja Freunde bleiben“. Dem Buch folgen weitere autobiografische Werke wie „Die Band“. Wenn Mawil einmal einen Western oder eine Abenteuergeschichte zeichnen will, die er nicht selbst erlebt hat, ersetzt er den Helden durch das Alter Ego „Supa-Hasi“. Mit „Kinderland“, der fiktiven Geschichte einer DDR-Jugend, hat er gerade sein umfangreichstes Comic vorgelegt. Mawil lebt in Berlin, wo er mit Reinhard Kleist, Naomi Fearn und Fil ein Gemeinschaftsatelier unterhält. Wenn Mawil keine Comics zeichnet, reist er mit dem Goethe-Institut um die Welt oder lehrt. Bei seinem deutsch-französischen Workshop (Leipzig, 23. Juli bis 1. August) sind noch Plätze frei. Infos unter www.mawil.net


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